STARING AT THE RUTS BOYS

Die Ruts kamen schon im August 1977 im
West-Londoner Vorort Southall zusammen, doch die offizielle Gruendung der Band
wurde auf Mitte 1978 festgelegt. Die Besetzung bestand aus Malcolm Owen (Saenger),
Paul Fox (Gitarre), Vince Segs (Bass) und Dave Ruffy (Schlagzeug).
Gerne erzaehlte man sich die Geschichte, dass alle Mitglieder auch aus dieser
Gegend stammten. Aber das war falsch. Owen wohnte im angrenzenden Stadtteil
Hayes, Fox lebte auch dort, aber seine schwangere Frau und er zogen etwas
spaeter in den Norden Londons. Segs und Ruffy lebten schon immer im Sueden
Londons, nur einen Steinwurf entfernt von Rat Scabies seiner Wohnung.
Ruffy und Fox spielten zuvor in einer typischen Pub-Band, die sich Hit And Run
nannte. Sie spielten Songs wie „Lady Madonna“. Eine Band die Abend fuer Abend in
irgendwelchen Spelunken jeden erdenklichen alten Scheiss zum Besten gab, nur um
an ein paar Pence zukommen, da sie staendig pleite waren.
Fox und Owen waren, seit der Teenagerzeit, gute Freunde. Und so kam es
schliesslich dazu, dass sich im August 1977, im Herzen von London´s Dockland, in
einem kleinen Studio in Rotherhithe, Owen, Fox, und Ruffy mit dem Drummer von
Hit And Run, Paul Mattock, auf einer ersten Probe zusammen fanden.
Owen: „Ich erinnere mich an dieses Maedchen Lizette, die ich auf dem Weg zur
Probe im Zug traf. Sie meinte, dass sie nicht gewusst hatte, das ich singen
koennte. Ich sagte ihr, dass ich das selbst nicht weiss, aber in spaetestens
einer halben Stunde weiss ich es. Ich hatte drei Nummern fertig. Nur die Texte.
Paul und ich hatten vorher noch kurz ueber ein paar Akkorde nachgedacht.“
Wie bei so viele Leuten war durch die Punk Rock Explosion eine unueberschaubare
Vielfalt an musikalischer Kreativitaet freigesetzt worden.
Owen: „In England passierte nichts mehr. Led Zeppelin und die ganzen anderen
alten Bands waren unerreichbar geworden. Ich kaufte mir nur US-Importe, meist
von irgendwelchen Jazzmusikern. Als Punk aufkam gab es nicht besseres. Meine
Plattensammlung aenderte sich von einem Tag auf den anderen. Die erste
Punkplatte die ich mir kaufte waren The Damned. Es war ein unglaublicher
Adrenalin-Ausstoss und mir wurde klar, dass ich in genau so einer Band auch
spielen wollte. Ich ging regelmaessig ins „Vortex“, hab die ganze
Bondage-Geschichte mitgemacht, aber irgendwann habe ich mir dann wieder meine
alten Jeans angezogen und versucht eine Band zu starten.“

Nach sechs Monaten stieg Drummer Mattlock aus der Band aus. Mittlerweile hatte
man sich auf einen Bandnamen geeignet, The Ruts. Vorher hatten natuerlich
weitere Bandnamen die Runden gemacht, wie etwa Malcolm & The Skulking Loafers,
aber The Ruts erschien allen als vorteilhafter, eben kurz und knapp, sehr simpel
und einfacher zu merken.
Ersatz wurde schnell in Segs gefunden, der fuer Hit And Run als Roadie taetig
war. Ruffy wechselte auf Drums um, waehrend Segs in nullkommanix am Bass fit
war. Ein Naturtalent!
In den Anfangstagen der Ruts verhielt sich die Band wie jede andere Band auch.
Sie versuchten so schnell wie moeglich ein Demotape aufzunehmen um es dann an
die Plattenfirmen zu schicken. Aber keiner war an ihnen interessiert. Die Ruts
konzentrierten sich dann mehr darauf Live-Shows zu geben.
Ihren ersten Gig spielten sie in dem Pub „The Target“ in Northolt.
Owen: „Wir hatten nur drei oder vier Nummern. Zehn Prozent der Leute waren
unsere Freunde, also meist Punks, der Rest wartete nur darauf das die Disco
endlich aufmacht.“
Ihr offizielles Buehnendebuet gab die Band Ende ´78 mit den Electric Chairs in
der „High Wycombe Town Hall“.
Die erste Single „In A Rut“ / „H Eyes“ erschien auf dem „People Unite“-Label der
Reggae Band Misty am 24. Januar 1979. Die Songs wurden in einem kleinen
4-Track-Studio in Hayes aufgenommen. Doch erst sechs Monate spaeter kam die
Single raus. Der Grund? Die Kosten von 100 Pfund mussten erst einmal
aufgetrieben werden. Die Single wurde ein grosser Erfolg und verkaufte sich
20,000 Mal.

John Peel lud sie in die BBC-Studios ein und so wurden am 14 Mai die Songs „Sus“,
„Society“, „You´re Just A....“, „It Was Cold“, und „Something That I Said“
aufgenommen, die am 21. Mai zum ersten Mal in „John Peel´s Music“ gesendet
wurden. Die Plattenindustrie war nun bestens im Bilde.
Kurze Zeit spaeter dann unterschrieben sie bei „Virgin Records“ und brachten am
05. Juni ihre Single „Babylon´s Burning“ raus, die es bis auf Platz 7 der
englischen Charts schaffte und ihnen ausserdem einen TV-Auftritt bei „Top Of The
Pops“ bescherte.
„Something That I Said“, ihre nachfolgende 7“inch, kam bis auf Platz 29 und
wurde am 31. August veroeffentlicht.
Das Debuet-Album mit dem Titel „The Crack“ liess nicht lange auf sich warten. Es
erschien knapp einen Monat spaeter, am 29. September, und erzielte Position 16
der Charts. „Jah War“, die daraus ausgekoppelte Single, kam am 31. Oktober raus,
schaffte allerdings nicht den Sprung in die U.K.-Charts. Doch ihre naechste
Single „Staring At The Rude Boys“ war dann wieder auf Platz 22 als hoechste
Notierung in den englischen Charts gesichtet. Die Single erschien im April 1980.
Zwei Monate zuvor waren sie wieder zu Gast bei John Peel und nahmen im Februar
eine weitere Session auf, wo u.a. die Songs „Demolition Dancing“ und „Secret
Soldiers“ eingespielt wurden.
So, und jetzt kommt der Real Shock ein wenig ins Schleudern, denn ich weiss
nicht genau ob die Ruts in ihrer kurzen Karriere zwei- oder dreimal bei John
Peel auftauchten. Denn es wurden noch folgende Songs aufgenommen, „Savage Circle“,
„Babylon´s Burning“, „Dope For Guns“, „Black Man´s Pinch“, „Criminal Mind“, „Staring
At The Rude Boys“ und „In A Rut“. Auf dem mir vorliegenden Bootleg „Cold Distant
Lights“ werden die beiden Songs „Savage Circle“ und „Black Man´s Pinch“ (Give
Youth A Chance) von einer John Peel Session vom 23. Januar 1979 angefuehrt.
Somit muesste eigentlich klar sein, dass die Band wohl tatsaechlich dreimal in
den BBC-Studios war. Etwas verwirrend fuer mich, aber so ist es nun mal, wenn
man Nachforschungen anstellt.
Die Band gab in der Zeit jede Menge an Konzerte, meist unter dem „Rock Against
Racism“-Banner, und spielte u.a. eine Tour mit den Damned zusammen.
Am 14. Juli 1980 fand man ihren Saenger Malcolm Owen im elterlichen Badezimmer
tot auf. Er starb an einer Ueberdosis Heroin. Er wurde 26 Jahre alt.
Das besiegelte das Ende der Ruts. Es erschien kurz darauf noch ihre letzte
Single „West One (Shine On Me)“, die die Band kurz vor seinem Tod aufgenommen
hatte. Die Single schaffte es bis auf Platz 43 und war ihrem Saenger gewidmet.
Auf der Rueckcover steht: „For Malcolm Who Lived For The Crack – Shine On.“
Die restlichen Musiker machten nach einer kurzen Pause unter Ruts DC weiter,
konnten allerdings die Luecke, die ihr Saenger hinterlassen hatte, nicht fuellen.

Real Shock erinnert sich: „Im August 1982 hatte ich das unverschaemte Glueck die
Band in Brixton im „Fair Deal“, wurde spaeter dann in „The Academy“ umbenannt,
zu sehen. Es war ein tolles Konzert und besonders die Stimmung innerhalb des
bunt gemischten Publikum, das meist aus Schwarzen bestand, wird mir auf ewig in
sehr guter Erinnerung bleiben. Hatte teilweise den Flair eines Strassenfestes,
vorne an der Buehne tanzten z.B. einige junge Muetter sehr ausgelassen mit ihren
Kindern rum. Und daneben der Punker mit abstehenden Haaren und Nietenjacke.
Coole lockere Atomsphaere. Neben vielen alten Ruts Liedern spielten sie auch
jede Menge neues Material, was sich gut ergaenzte.“
1983 trennte sich die Band dann endgueltig.

Einen Tag nach dem „Southall Riot“
befand sich Malcolm Owen im Zug, auf dem Nachhauseweg von einer Recording
Session zu „Babylon´s Burning“, als er ohne erkennbaren Grund von einem anderen
Passagier einen Schlag mitten ins Gesicht abbekam.
„Da waren diese beiden Kerle im Zug, einer von ihnen stand auf um in Hanwell,
eine Station vor Southall auszusteigen, als der andere mir einfach eine
runterhaute. So in etwa.“ Owen laesst seine Faust in der offenen Hand
aufprallen.
„Ich habe einen „Rock Against Racism“-Button getragen. Womoeglich haetten sie
mich in Ruhe gelassen, haette ich den nicht an meiner Jacke gehabt.“
Glaubt er das der Schlaeger ein Mitglied von einer rechten Partei oder einer
bestimmten Polizeieinheit gewesen sein koennte?
„Wer weiss das schon? Sie waren weit ueber 40. Weisst Du was ich meine?“, betont
er ueberdeutlich.
Also glaubt er es haetten durchaus Polizisten sein koennen?
„Es haette mich jedenfalls nicht gewundert.“
Einige Wochen spaeter befinden sich die Ruts, zusammen mit den Damned auf Tour,
in Birmingham. Ein gelungenes Doppel.
„Normalerweise liebe ich es zum Schluss mit einem Satz in die vorderen Reihen zu
springen, um mit dem Publikum noch zu feiern. Und weisst du wo ich da gelandet
bin? Mitten in einen Haufen National Front Skinheads. Die haben direkt
angefangen zu zuschlagen. Das waren Kids, so um die 14, 15 Jahre alt.“
„Sie hauten einfach drauf los, ueberall hin....., und ich dachte, nur weil ich
auf „RAR“-Gigs spiele schlagen die auf mich ein. Und die hatten echt richtigen
Hass auf mich! Ab da hab ich meine Ansicht geaendert, und jetzt weiss ich, das
es draussen Leute gibt, die nur eins im Schaedel haben, Hass, Hass, HASS!!!“
Es war auf der dritten Nacht der „Rock Against Racism´s Militant
Entertainment“-Tour gewesen, als ich die Ruts das erste Mal zu Gesicht bekam.
Die Ruts sollten an diesem Abend die letzte Band sein. Zuvor hatte die Southall
Reggae Band Misty gespielt, gute Freunde von den Ruts, die am Vorabend den
Headliner gemimt hatten. Beide Bands wechselten sich von Gig zu Gig, wer als
erstes und als letztes spielt, staendig ab.
Ich habe oft die ersten Reaktionen auf den Besuch von Kit Lambert gelesen, als
er die Who in der „Railway Tavern“ gesehen hatte und obwohl ich nicht in seinen
Wortlaut verfallen moechte, um eine aehnlich ueberschwengliche Wirkung
hervorzurufen, wuehlten die ersten Eindruecke von den Ruts aehnliche Gefuehle in
mir auf.
Ich war zu jung um die Who je gesehen zu haben, aber ich habe die Buecher
gelesen, die Filme gesehen und ihre Aufnahmen gehoert und es kommt mir so vor,
das an einer guten Nacht die Ruts den Who ebenbuertig sein koennen, weil sie
durch diese aufruehrerische Einstellung Gemeinsamkeiten auf der Buehne
austragen. Des weiteren habe ich zuvor noch keine Band gesehen, die sich so
zornig und aufgebracht benommen hat. Owen kam mit solch einer gluehenden
Aggression auf die Buehne, das ich es kaum glauben konnte.
Diese ersten Konzerte mit Misty waren immer mit Problemen behaftet.
Owen: „Es gibt eine National Front Gruppe in Southall. Sie ist nicht stark genug
um gegen die gemeinsame Geschlossenheit der Schwarzen und Weissen anzukaempfen,
aber sie haben einer unserer Shows dort gestoert. Es war eine organisierte Sache
gewesen, kurz vor Mitternacht stoppten einige Autos vorm Club. Das Konzert war
gerade zu Ende und so befanden sich in der Halle noch viele Zuschauer. Damit
hatten die nicht gerechnet. Wir gingen also geschlossen raus und auf die zu. Als
die uns sahen haben die sich in allen Himmelsrichtungen ruckzuck verpisst
gehabt.“
Owen weiter: „Auf einem anderen Gig gab es Bombenalarm. Jemand hatte beim
Scotland Yard angerufen und mitgeteilt, dass eine Bombe im Laden versteckt sei.
Daraufhin ist das Spezialistenteam angerueckt und hat den ganzen Laden auf dem
Kopf gestellt. In einer der hintersten Ecken fanden sie schliesslich einen
Koffer, der aber leer war.“

„Wir sind nicht gewalttaetig“, meint ihr Drummer Dave Ruffy.
Owen stimmt ihm zu: „Nicht wirklich, aber ich gerate immer wieder in
irgendwelche Schlaegereien. Es ist nicht so, das ich Streit suche, aber ich muss
mich schliesslich verteidigen.“
Ruffy: „Ueberall wo du hinschaust ist Gewalt. Wir sind es jedenfalls nicht die
diese Gewalt schueren.“
Owen: „Wenn du fuer eine Sache eintrittst und deine Meinung darueber aeussert,
gibt es immer eine Opposition, und diese kann manchmal ziemlich heftig
ausfallen“.
Und nur weil sie sich als „aggressive Band“ vom Photographen Chris Horler
ablichten lassen, heisst das noch lange nicht, das sie auch gewalttaetig sind.
Owen will auf keinen Fall so enden wie Jimmy Pursey. „Wenn du auf der Buehne
stehst kann es passieren dass du von einer bestimmten Sorte Leute im Publikum
dein Fett abbekommst. Ich bin dazu bereit diesem Pack die Stirn zu bieten. Ich
hab darueber einen Song geschrieben, er heisst „You´re Just A.....“, „You give
me a heart attack / You tell me what I lack / you tell me I look a fool / You
tell me I´m uncool / You´re just a....., du kannst alles sagen was du willst,
wie etwa, You´re just a fucking cunt.“
Owen: „Ich habe den Song deshalb geschrieben, weil sie generell meine Eindruecke
ueber den Hass, den die Leute auf mich haben widerspiegeln. Ich kann die Leute
offenbar genauso wenig verstehen. Ich weiss dass es falsch ist. Aber irgendwann
ist es genug. Und dann entsteht so ein Text. Wenn ich das staendig ignorieren
wuerde waere das auch keine Loesung.“
Ruffy: „Auf unseren Konzerten ist das was anders. Malcolm erklaert vorher, worum
es ihm in den Song geht.“
Owen: „Nehmen wir den Song „Sus“. Dort sage ich, tut den Cops einen Gefallen,
hau dir selbst die Fresse ein. Der Text befasst sich mit dem Gesetz, das dich
die Cops jederzeit einbuchten koennen, mit der Begruendung, dass du verdaechtig
aussiehst. Der Song wurde von einem schwarzen Freund von uns geschrieben, der
mit diesem speziellen Gesetz in Konflikt geraten war.“
Owen: „Der Grund warum wir angefangen hatten auf „RAR“-Gigs mitzuspielen war,
das wir an anderen Orten spielen wollten, als nur in winzigen Kneipen. Wir haben
das niemals als eine politische Sache angesehen. Wir spielten unseren ersten Gig
dann, zusammen mit XTC und Misty, in Southall. Es war phantastisch. Ueberall
pogende Pakistans.“

Owen: „Ich habe letztes in einer Musikzeitschrift gelesen, das es zur Zeit
trendy waere, wenn weisse Bands Reggae spielen. Wir spielen Reggae nicht, weil
es hip ist, sondern weil wir es einfach wirklich fuer richtig halten. Alles
andere ist laecherlich. Genauso albern ist der Vorwurf, den man uns macht, das
wir uns zu sehr nach 1977 anhoeren. Das kommt von diesen Leuten, die sagen, Punk
ist tot. Das letzte echte Punk-Album das nach einer langen Zeit rauskam, ich
meine damit das Stiff Little Fingers-Album, ist sofort in die Charts auf Platz
14 eingestiegen und war in den alternativen Charts direkt auf Platz Eins zu
finden. Das zeigt doch, dass die Leute auf diese Art von Musik immer noch scharf
sind. Der Unterschied zwischen 1977 und 1979 ist das man sich jetzt mit der
Musik bewusster auseinandersetzt. Vor zwei Jahren war es egal, was fuer einen
Sound du gemacht hast. Heute denkst du nun etwas mehr darueber nach was du
machst. Doch nach wie vor ist unsere Energie nicht zu stoppen.“
Bezugsquellen:
„Ruts, Backflips And Pogoing
Pakistanis“
von Adrian Thrills, 24.03.79, NME
„The Rise Of The Ruts“
von Steve Clarke, 14.07.1979, NME
„Punk Diary 1970 – 1979“
(Buchautor: George Gimarc)
(Story von Ralf Real Shock, aus "3RD Generation Nation", No. 19 – Fruehling/Sommer
2000)
„For Malcolm Owen Who Lived For
The Crack – Shine On.“
