So, hier nun das Update fuer September. Das Update fuer Oktober erfolgt Anfang November 2009. Alle Reviews, wie immer, besprochen von Ralf Real Shock.

APARTMENT
„House Of Secrets“ Digital Release
( Bristol Archive Records / BristolArchiveRecords.com , Release Date: Juli 2009
)
Dieses Trio ist mir noch bestens bekannt durch ihre grandiose erste
Doppel-A-Seiten-Single „The Car“ zu Beginn des Jahres 1980. JOHN PEEL hatte sie
bei sich im Programm und spielte beide Seiten, wobei ich den Track „Winter“
favorisierte. Dieser unterkuehlter Ton in der Stimme von Alan Griffiths und das
dazugehoerige melancholische Gitarrenspiel machten diesen Song zu etwas ganz
Grossem. Bis heute gilt „Winter“ als einer der besten Momente im
PostPunk-Bereich ueberhaupt. „The Car“ hingegen ist ein schneller gradliniger
PowerPop-Song, der ebenfalls von dem originellen Gitarrensound lebt. Ebenfalls
auf der 15-Song-CD ist der Song „The Alternative“ vertreten, der 1979 auf dem
„Avon Calling“-Sampler vertreten war. Diese drei Tracks sind natuerlich der
perfekte Opener. Und insgeheim hatte ich gehofft, dass sich noch weitere Perlen
dieser Art auf der CD befinden. Und tatsaechlich mit Track 4 „Distractions“ geht
es in diese Richtung weiter. Man wird zwar unweigerlich an alte CURE-Songs
erinnert, was aber voellig in Ordnung geht. Ein Song, der mir auf Anhieb
gefaellt. Leider ist dann aber Schluss mit Lustig. Die nachfolgenden Songs
werden groesstenteils von einer zu schwermuetigen Last getragen. „Shot Down“
macht den Anfang, obwohl dieser noch so halbwegs im gruenen Bereich anzusiedeln
ist. Ich weiss nicht genau woran es liegt, aber ich finde einfach keinen Zugang
zu diesen Songs, die wohl von einer Demo-Cassette stammen und eine erstaunlich
gute Qualitaet vorzuweisen haben. Leider ist diese Aussage nicht ganz
spruchreif, da es nicht eindeutig belegt ist. Demzufolge also keine brauchbaren
Infos ueber die restlichen Songs zur Hand. „Distractions“ bleibt ganz klar der
grosse Gewinner dieser CD!
( * * * * + )

BANNER PILOT
„Collapser” CD
( Fat Wreck Chords / FatWreck.com , Release Date: 01. September 2009 )
Banner Pilot ist eine junge aufstrebende(?) Band aus Minneapolis, die nach
einer Single, einer EP und einem Album (letztes Jahr auf „Go-Kart“), nun mit „Collapser“
auf „Fat Wreck Chords“ gelandet ist. Soundmaessig passt das zum Label, wie die
beruehmte Faust aufs Auge. Knackiger gradliniger Punkrock in einsA Produktion
mit einer unglaublich mitreissenden Power-Stimme, der da auf den insgesamt 12
Songs praesentiert wird. Geht in Richtung Pop, RAMONES, LAWRENCE ARMS,
SCREECHING WEASEL und FACE TO FACE. Fuer eine Band die erst 2005 zusammen
gekommen ist, klingen sie schon ziemlich ausgereift, ohne aber an jugendliche
Frische zu verlieren, und haben zudem ein verdammt gutes Gespuer fuer die
richtigen Melodien. Die Gitarre ist schon eine Klasse fuer sich. Das ist zum
Teil ohne viel Schnoerkel brillant inszenierte BEN WEASEL-Schule! Song No. 9 „Empty
Lot“ faengt uebrigens genauso an wie der STIFF LITTLE FINGERS-Klassiker „Nobody´s
Hero“. „Fat Wreck“ holt sich eben immer wieder die richtigen Bands ins Boot.
( * * * * + )

BIESTIG
„Nebenan” CD
( Rookie Records / RookieRecords.de , Release Date: 25. September 2009 )
Als ich den ersten Satz im Info gelesen hatte – „Es ist fuer jeden Musiker
ueber 20 absolut beaengstigend, was Biestig hier aufgenommen haben. Da will man
gleich aufhoeren, Songs zu schreiben.“ – dachte ich, nee das kann nicht sein!
Dann legte ich die CD ein und wurde recht schnell eines besseren belehrt und
konnte es zunaechst auch nicht fassen! Dass zwei Girlies im zarten Alter von nur
16 mit solch einer eleganten und cleveren Art ihre zehn Songs rauspowern, ja, da
bleibt fuer einen Moment die greise Punkrock-Welt vom Real Shock stehen. In
England gab es mal in den 90ern das Duo SHAMPOO, was mich phasenweise an Biestig
erinnert, aber hinter Shampoo stand ein Profit orientiertes Management (inkl.
Studiomusiker), die die Band in diese Goeren-Richtung gelenkt hatte. Bei Biestig
ist das voellig anders gelagert! Die beiden Maedels Jule und Anne haben naemlich
alles voellig punkrock-like gemeinsam durchgezogen. Die Texte, die Musik und
schliesslich zu zweit im Studio das Album aufgenommen. Die Produktion laesst
nicht einen Wunsch uebrig, Die Stimme von Jule klingt meines Erachtens sogar
etwas wie frueher die Schweizer TNT-Saengerin Sara. Das ist ein rundum
gelungenes Debuet mit wirklich exzellentem Songwriting und auf dem Punkt
gebrachten melodischen Punkrock. Anspieltip auf jeden Fall: „Nebenan“.
( * * * * )

BIG DRILL CAR
„A Never Ending Endeavor” CD
( Boss Tuneage / RookieRecords.de , Release Date: 04. September 2009 )
Mit der Original Line-Up aus den 80ern haben Big Drill Car direkt zu Anfang
fuenf neue Songs eingespielt. Dann folgt eine Zusammenstellung von fuenfzehn
Songs aus den Jahren ´91 bis ´94, die zum Teil noch unveroeffentlicht waren oder
von Singles, Samplern und Demos stammen. Darunter befinden sich auch zwei gut
gespielte Cover-Songs, einmal HÜSKER DÜ’s „Celebrated Summer“ (einer meiner
absoluten HüDü-Faves!) und der BUZZCOCKS-Hit „I Don’t Mind“. Big Drill Car waren
in ihrer ersten aktiven Zeit eigentlich immer das zweite Glied in der Reihe
gewesen, waehrend Bands wie DESCENDENTS oder DOUGHBOYS ihnen locker den Rang
abliefen. Aber, mal ganz ehrlich, denn gerade diese beiden Bands waren
musikalisch Big Drill Car haushoch ueberlegen. Was aber im Grunde genommen doch
etwas seltsam anmutete, da Frank Daly und Mark Arnold zuvor bei MIA gewesen
waren, einer der besten kalifornischen Bands damals. Schade nur, das sie bei Big
Drill Car niemals im Stande waren aehnliches Hit-Material wie bei MIA zu
schreiben.
( * * * * - )

GOVERNMENT ISSUE
„The Punk Remains The Same” MCD
( DC-Jam Records / DCJamRecords.com , Release Date: 21. Juli 2009 )
Hatte mir sicherlich eine etwas andere CD-Aufmachung vorgestellt. Denn dies
ist nur wirklich etwas fuer DieHard-Fans. Fuenf Tracks sind es, live 1982 bzw.
1983 auf Konzerten der Band in Washington DC aufgenommen. Die Qualitaet geht
schon in Ordnung, aber dafuer direkt eine komplette CD zuopfern, scheint mir
reichlich verschwenderisch, weil die Songs so ueberragend nun auch wieder nicht
sind. Da haben G.I. in ihrer Glanzeit aber viel bessere Songs mal raus gehauen.
Ewig in Erinnerung bleibt mir dabei ihr Konzert Mitte der 80er in Venlo, als sie
den knueppelvollen „Bauplatz“ in eine Art Swimming-Pool fuer Stagediver mit
Sauna-Garantie verwandelt hatten.
( * * * )

JAIL GUITAR DOORS
„You Talkin’ To Me?” CD (Release Date: 30. April 2006 )
„Protest Song” CD/DVD (Release Date: 02. September 2009 )
( All The Way Records / JailGuitarDoors.com / MySpace.com/officebb )
In der finalen Print-Ausgabe des 3RD vom Sommer 2004 hatte ich ein Interview
mit den japanischen Jail Guitar Doors gemacht, die wie es der Bandname schon
andeutet, musikalisch sowie auch optisch sehr stark CLASH-beeinflusst waren.
Nun, ein jeder wird mittlerweile wissen, dass ich fuer solche Bands mein letztes
Hemd geben wuerde. Sie machen es einem aber auch kinderleicht, dass man immer
wieder an THE CLASH erinnert wird. Denn dafuer sind die Japaner ja bekannt. Wenn
schon, dann richtig! Perfektion bis ins kleinste Detail lautet dort die Devise.
Deswegen kann ich mich auch von so einigen Bands aus Japan nicht lossagen, weil
es in meinen Augen einfach sehr glaubwuerdig erscheint. An dieser 77er-pUnK/rOcK-Einstellung
stur festzuhalten, ohne sich von aussen grossartig manipulieren zu lassen, bis
die wirklich allerletzte Klappe faellt. Die Verbindung zu Jail Guitar Doors
verlief nach der ersten Kontaktaufnahme vor gut fuenf Jahren wieder im Sande,
aber dank MySpace entdeckte ich ihre Seite vor gut einem Jahr und wir wurden
wieder „Freunde“. Nun stand also eine neue CD an. Grund fuer mich, mal
vorsichtig anzuklopfen, ob eine Chance bestuende, sie in meinen Reviews
aufzunehmen. Und da ich gerade schon dabei war, lag es nahe, ob sie mir nicht in
einem Abwasch auch ihre letzte CD beilegen koennten. Es dauerte keine zwei Tage,
da meldete sich ihr Sprachrohr, Gitarrist und Saenger Takeshi „J“ Kunugi. Mit
seinen paar Brocken Englisch gab er mir zu verstehen, das er mir sehr gerne
beide CDs zukommen lassen wuerde. Und nach einer Woche lagen die CDs dann im
Briefkasten, dank der zuverlaessigen Online-Tracking-Zustellung durch EMS.
Thanks very much Takeshi!
Der neuen CD lag uebrigens zu meiner grossen Ueberraschung auch noch eine DVD
vom „Making Of“ bei. Auf dieser werden neben den Studioeinspielungen auch lokale
Musiker aus der Region um Yamanashi ueber die Band befragt, die sich dort,
eindreiviertel Stunde Autofahrt von Tokyo entfernt allergroesster Beliebtheit
erfreuen. „Bad Friend“, der letzte Song auf der Mini-CD von 2006 ist dem 2005
verstorbenen Bruder von Takeshi, Billy gewidmet und ist auf der DVD als Video
angefuegt. Unbedingt erwaehnen sollte ich noch, das die Band alles in Eigenregie
mit englischen Untertiteln unterlegt hat, was ja nun in der Branche auch nicht
gerade ueblich ist. „You Talkin’ To Me?“ hinterlaesst aufgrund dieses schweren
Schicksalsschlags in erster Linie einen sehr persoenlichen Eindruck. Wobei der
Opener eine voellig andere Thematik aufgreift. „Two Bombs Were Not Enough“ ist
eine unmittelbare und ziemlich provokante Anspielung an die beiden
amerikanischen Atombomben im zweiten Weltkrieg auf Hiroshima und Nagasaki. Auf
die USA ist die Band somit nicht gut zu sprechen, wie etwa auch der Banner „Hey
Yankee, Remember Pearl Harbour!“ in einem Foto ueberdeutlich zeigt. Nun, was mir
aus musikalischer Sicht etwas Probleme bereitet, ist die Produktion. Die
Telecaster von Takeshi ist fuer meine Ohren einfach viel zu hoch abgemischt, so
dass man die Songs nicht wirklich laut hoeren kann, da die Gitarre zu sehr
durchklingelt und sich nicht der Gesamtproduktion anpasst. Ueber Kopfhoerer ist
der Sound allerdings wesentlich angenehmer zu geniessen. War „Bad Friend“ das
musikalische Top-Highlight der ersten CD, so kommt auf der neuen CD „Protest
Song“ der JailGuitarDoors-Zug ab Track 11 erst mit dem supermelodischen
punkyreggae-Instrumental „S.N.J“ so richtig ins Rollen. Hier spielt die Band
ihre ganze Klasse aus! Aber auch die nachfolgenden „Set Free“, „Rude Boy“ und
der Bonus-Track „Rude Dub“ haben dieses spezielle Format. Und auf solch einen
Sound habe ich ehrlich gesagt schon vorher gewartet. Nun die Band macht es halt
bis zum Schluss sehr spannend.
PS: Vielleicht schaffe ich es auch noch, irgendwann das oben erwaehnte Interview
ins Netz zu stellen.
( * * * * * + )

JFA
„To All Our Friends” CD
( DC-Jam Records / DCJamRecords.com , Release Date: 21. Juli 2009 )
Auch JFA sind in die Jahre gekommen. Grund genug also ein Live-Konzert zu
geben. Leider ist im Booklet nicht ersichtlich, wo und wann dieses stattfand.
Und da ich mich nicht wirklich mit der JFA-Songpalette auskenne, kann ich jetzt
auch nur vermuten, das die insgesamt 14 Tracks bekannt von ihren frueheren
Studioalben sind, die sie seit 1981 bis 1999 aufgenommen haben. Musikalisch
gehoerten JFA seit Beginn an zu einer der fuehrenden Bands im Hardcore-Bereich
und daraus resultierten in der Sturm- und Drangzeit der fruehen 80er Jahre
logischerweise haufenweise Gigs mit gut benachbarten Combos wie etwa BAD BRAINS,
MINOR THREAT, GOVERNMENT ISSUE oder CHINA WHITE.
( * * * )

THE NIPPLES
„Weekend Toys” CD
( Basement Records / BasementRecords.net , Release Date: 2006 )
Der Bandname exzellent gewaehlt sieht der Vierer optisch eher wie eine
beschissene HipHop/Rap-Gang aus. Musikalisch geht auf den 22 Songs allerdings
maechtig die Post ab. Neue Geschwindigkeitsrekorde in der Hardcore-B-Note werden
in der rasanten Spielzeit von nur 25 Minuten zwar nicht gebrochen, aber das
hoert sich original wie die ultraschnellen Stuecke der SPERMBIRDS an. Sogar der
ueberdrehte Gesang von Lee Hollis kommt hin. Nett gemeint, aber irgendwann nervt
es nur noch ab, besonders die Stimme koennte mit jeder Micky Mouse der Welt eine
Freundschaft fuers Leben eingehen.
( * * * )

PAINT IT BLACK
„Surrender” 7” 4-song.e.p. (Digital Download)
( Fat Wreck Chords / FatWreck.com, Release Date: 18. August 2009 )
Jedes zweite Fanzine, ob online oder in gedruckter Form feiert die Band aus
Philadelphia ab und vergleicht sie immer wieder mit den 80er Jahre HC-Bands a la
MINOR THREAT und Konsorten. Hier scheint die Band auch mit ihrer aktuellen
Single sicherlich am besten aufgehoben zu sein. Vier verdammt wuetend
vorgetragene Lieder, die jedes fuer sich eine ganz spezielle Sprengkraft
besitzt. Und ueberall dem wuetet ein ziemlich angepisster Saenger, der dem
ganzen die Art von Glaubwuerdigkeit beifuegt, die man bei anderen Bands einfach
nicht spuert. Den Yemin macht hier den Unterschied, auch wenn das hier alles
nicht wirklich meinen Geschmacksnerv zum Rotieren bringt.
( * * * )

PAINTED WILLIE
„Mind Bowling” CD
( DC-Jam Records / DCJamRecords.com , Release Date: 11. August 2009 )
Mitte der 80er gab es einige ziemlich schraege Voegel, die sich
klammheimlich in die HC-Scene eingeschlichen hatten, und ihren Free-Jazz
durchtriebenen Sound den HC-Kiddies unverbluemt unter die Nase rieben.
Ueberraschenderweise wurden solche spezielle Kandidaten vom Publikum sofort ohne
Wenn und Aber angenommen. Und so konnten Bands wie etwa MEAT PUPPETS, FIREHOSE
oder SACCHARINE TRUST ihren komplizierten Murks freien Lauf lassen, ohne das sie
was von den Moshpit-Kids auf den Deckel bekamen. Auch die 1984 in Los Angeles
gegruendete Band Painted Willie hatte diese doch recht seltsamen Klangbilder vor
Augen und verarbeiteten diese dann ein Jahr spaeter auf ihrer ersten full-length,
die auf „SST Records“ veroeffentlicht wurde. Nun ist „Mind Bowling“ erstmals auf
CD und als Digitaler Download erhaeltlich. Ich finde den Sound ganz furchtbar
anzuhoeren.
( * * )

DIE GESCHICHTE DER POGUES von Carol Clerk
„Kiss My Arse – The Story Of The Pogues” (Buch)
( Bosworth Music GmbH / Mute Music Promotion , Release Date: Juli 2009 )
Anfang/Mitte der 80er war ich oefters in London, um mich in den zahlreichen
Second-Hand-Recordstores der Stadt nach Vinylscheiben umzuschauen. Und so kam es
einmal zur folgender Begegnung.
„Das ist meine Band!”, meinte der hagere Typ etwas schuechtern zu mir, der in
seinem abgewetzten Jackett hinterm Tresen stand. Ich hatte soeben die NIPS-LP „Only
The End Of The Beginning“ aus dem Regal gezogen und war ziemlich ueberrascht,
dass es von der Band auch eine LP gab. Ich schaute mir den Typen hinterm Tresen
kurz etwas genauer an. Seine abstehenden Ohren fielen mir sofort ins Auge, sowie
die schlechten Zaehne, und auch die kleine Sicherheitsnadel, die er am Revers
trug. Da ich aber viel zu sehr beschaeftigt war, mich durch die Regale an
Schallplatten zu wuehlen, reagierte ich eigentlich eher zurueckhaltend, und
meinte nur zu ihm: „Ah…., ok.“ Damit war mein kurzes Gespraech mit Shane
MacGowan auch schon beendet. Heute koennte ich mich allerdings dafuer in den
Arsch beissen, denn da sonst keiner im Laden war, haette man sicherlich noch
einige Worte mehr wechseln koennen. Shane arbeitete zu der Zeit, wie im Buch
beschrieben im „Rock Offs“. Seine Karriere mit den Pogues stand kurz bevor.
Das Shane nach all den schwindelerregenden Sauf- und Drogeneskapaden noch immer
unter den Lebenden weilt, ist ein absolutes Wunder. Oder aber ihm wurde vom
lieben Herr Gott in weiser Vorrausicht direkt eine zweite Leber mit auf dem Weg
gegeben. Shane hab ich vor einigen Wochen auf YouTube gesehen. Er spielte mit
den NIPS irgendwo in Irland eine Probe ein, die dann zu einem kleinen Konzert im
Hinterhof einer Bar wurde, wo die Band auf einer winzigen Buehne stand. Shane
sah wirklich unglaublich fertig aus! Aber anscheinend ist das sein
Normalzustand.
Aber es gibt auch Positives ueber ihn zu berichten. Im April dieses Jahres
unterzog er sich in Spanien einer mehrstuendigen Zahn-Operation, mit dem
Ergebnis das er nun nach ueber 30 Jahren endlich wieder eine vollstaendig neue
Kauleiste im Mund hat. Ob er allerdings das Koma-Saufen der vergangenen Jahre
abgelegt hat ist nicht bekannt. Zu wuenschen waere es ihm. Denn in zahlreichen
Interviews sieht er doch meist sehr verloren und irgendwie auch sehr einsam aus.
Ein wirklich trauriger Anblick, wie sich ein Mensch in all den Jahren
systematisch so runterwirtschaften konnte.
Die Pogues, und das geht eindeutig aus diesem 512-Seiten starken Waelzer hervor
waren in ihrer Hochzeit eine knueppelharte Saeuferbande. Auch wenn das einige
Mitglieder im Buch etwas anders schildern. Keine Theke war vor ihnen sicher. An
vorderster Front natuerlich Shane. Ihn wirklich komplett nuechtern anzutreffen
war in der Zeit beinahe unmoeglich gewesen.
Die Autorin Carol Clerk ist mir noch bestens bekannt durch ihre zahlreichen
Interviews und Berichte ueber die damals zweite grosse Punkrock-Welle nach 1977,
die sie im Jahr 1982 fuer den „Melody Maker“ niederschrieb. Bei Bands wie CHRON
GEN, CHELSEA, ANTI-NOWHERE LEAGUE, THE DEFECTS oder den TEST TUBE BABIES ging
sie ein und aus.
Gut zu wissen, das hier eine Frau vom Fach am Werk war. Und so wurde zum Anfang
des Buches auch erstmals sehr ausfuehrlich der Werdegang von Shane MacGowan
durchleuchtet, wobei natuerlich die NIPPLE ERECTORS bzw. NIPS-Story nicht fehlen
durfte.
Nach und nach werden auch die anderen Pogues-Mitglieder im Buch detailliert
vorgestellt. Das Philip Chevron von der irischen Punkrock-Band THE RADIATORS
FROM SPACE spaeter zu den Pogues stiess wusste ich bis dato gar nicht. Das
haengt aber sicherlich auch damit zusammen, dass ich den Pogues in ihrer aktiven
Zeit kaum Beachtung geschenkt habe. Nur der Song „Dirty Old Town“ und der
Video-Mitschnitt „Live At The Town And Country“ mit dem Gastauftritt von JOE
STRUMMER blieben mir damals recht lebhaft in Erinnerung. Wahrscheinlich konnte
ich mich nicht mit den irischen Folk-Elementen so richtig anfreunden. Und so
hatte ich auch nicht das geringste Beduerfnis mir eine Pogues-Show mal
anzuschauen. Auch das stimmungsvolle Video konnte mich damals nicht umstimmen.
Trotzdem habe ich an dem Buch sofort Gefallen gefunden. Denn die Zusammenhaenge
wie es mit den Pogues losging und wer da alles involviert war, ist sehr
interessant.
Hauptsaechlich kommen Jem Finer und James Fearnley zu Wort, Shane haelt sich
hingegen meist bedeckt, was natuerlich sehr schade ist. Er wird meistens nur
zitiert. Aber spannend ist auch, wie die Akteure die damaligen Geschichten heute
vor Augen haben. Da gibt es schon mal einige Abweichungen und viel Platz fuer
Spekulationen.
Der Schreibstil von Carol Clerk ist von der Uebersetzung her auch recht gut
uebernommen worden. Leider sind aber zu viele Fehler, die sogar mich bisweilen
im Lesefluss stoeren. Mal ist der Satzbau falsch, oder aber es fehlen komplette
Worte oder einzelne Buchstaben. Da hat das Lektorat schlichtweg gepennt und
streckenweise sehr schlampig gearbeitet. So was darf eigentlich bei solch einem
dicken Auftrag nicht passieren. Man sollte sich aber davor nicht allzu
abschrecken lassen. Denn im Vordergrund steht die einzigartige Geschichte der
Pogues. Und die bleibt bis zum Ende verdammt spannend. Tolles Buch!
( * * * * * )

THE SCARRED
„At Half Mast” CD
( Basement Records / BasementRecords.net , Release Date: 23. Juni 2009 )
Seit ihrer letzten Veroeffentlichung im Jahr 2006 mit dem Album „No
Solution“ geht das suedkalifornische Trio Scarred kompromisslos ihren
musikalischen Weg weiter. Dabei haben sie zu meiner Freude ihre Faehigkeit an
den Instrumenten weiter ausbauen koennen. Und so liegt mir mit „At Half Mast“
ein absolut spritziger Nachfolger vor, dessen insgesamt elf Tracks plus
Hidden-Track jeden aktuellen Haertetest in der derzeitigen amerikanischen
Punkrock-Szene spielend bestehen duerften. Gut, fuer die ganz grossen Smasher
reicht es noch nicht, aber die Band hat, wie eingangs erwaehnt, erstaunliche
Fortschritte im Songwriting gemacht. Die Refrains sitzen wie eine Eins, die
Gitarrenarbeit klingt ausgereifter, die Produktion ist druckvoller und stimmlich
koennte man teilweise beinahe von einer gewissen Mod-Atomsphaere sprechen.
Weniger angepisst und weniger aggressiv, vielmehr verbreitet „Half The Mast“ ein
Bild, wo die positiven Lebenseindruecke eindeutig ueberwiegen. Die gute halbe
Stunde Spielzeit verspricht wirklich jede Menge Abwechselung. Von ihrer ganz
klar ausgerichteten 77er-pUnKrOcK-Basis unternehmen sie mehrfach sonnige
Ausfluege ins Land der RAMONES, US BOMBS, D.I., RANCID und CLASH. Saenger und
Gitarrist Justin Willits kommt zudem auf dem Cover im feinsten CLASH-Outfit
daher, inkl. perfekt gestochener „Know Your Rights“-Tattoo.
Anspieltips: „21st Century Girl“ + „Anaheim“.
( * * * * * )

TV SMITH
„Live At The NVA Ludwigsfelde” DoCD
( Boss Tuneage / RookieRecords.de , Release Date: 02. Oktober 2009 )
Der nimmermuede TV Smith bleibt in staendiger Rotation. Nur mit seiner
Gitarre im Gepaeck geht er fuer sein Leben gern auf die Walze und stattete
letztes Jahr der „NVA Ludwigsfelde“ einen Besuch ab. Nach knapp zwei Stunden und
30 Songs spaeter hinterlaesst er ein Publikum, das er auch an diesem Abend
schnell auf seiner Seite hatte. Er spielte sich durch etliche ADVERTS-Klassiker
und verlor dabei auch nicht aus den Augen seine aktuellen Songs aus dem letzten
Album „In The Arms Of My Enemy“ vorzutragen. TV Smith’s sympathische Art mit dem
Publikum zu kommunizieren traegt viel dazu bei, das auch dieser Auftritt am Ende
seine Wirkung nicht verfehlt hat.
( * * * + )

WE ROCK LIKE GIRLS DON’T
„How Did It Get To This” CD
( Distort / Cargo Records , Release Date: 21. August 2009 )
Mag der olle Punker RealShock Art-Rock? Nein, natuerlich nicht! Ueberhaupt,
was fuer ein bescheuerter Ausdruck. A-r-t R-o-c-k! Und genau so hoert sich das
dann an, wenn sich ganz tolle Kuenstler an Rockmusik versuchen. Malt lieber
Bilder, lernt Floete, setzt euch vors Klavier oder scheisst von mir aus die Wand
an, aber bitte ruehrt kein Musikinstrument an, was Gitarren-Saiten besitzt. Oder
wo man sich koerperlich so richtig verausgaben muss. Aber das ist genau dieser
vertrackte Sound, worauf die Musikpresse in England anspringt. Die Ansprueche
immer hoeher gesetzt, die Leute immer komplizierter in ihrer Denke. Echt, drauf
geschissen! Ich mag solche merkwuerdigen Combos einfach nicht!
( * - )