Mir ist keine zweite Band oder
Person aus den Anfangstagen bekannt die ein solch exzellentes Comeback im
letzten Jahr feiern konnte, und bei so vielen Fans weltweit eine neue Magie
entfacht hatte.
Joe Strummer hat sich keineswegs auf seinen alten Lorbeeren ausgeruht, er hat
zum groessten Teil einen voellig neuen Weg eingeschlagen, hat sich mit Musikern
zusammen getan, die aus ganz anderen musikalischen Ecken stammten.
Als ich Anfang 2000 ein Joe Strummer Interview im World Wide Web entdeckte, was
so unglaublich interessant und aufschlussreich war, gab es fuer mich nur zwei
Moeglichkeiten, es fuer das "3rd Generation Nation" zu uebernehmen. Entweder mit
oder ohne Einwilligung des Interviewer Howard Petruziello.
Ich entschied mich dafuer ein eMail an ihn aufzusetzen und zu fragen, ob ich
sein Interview verwenden koennte. Ich hatte keine Lust mich mit fremden Federn
zu schmuecken, also hop oder top, denn schliesslich sollte alles seine
Richtigkeit haben. Howard war, zur meiner Erleichterung, sehr begeistert von der
Idee, sein Interview in einem deutschen Fanzine abgedruckt zu sehen, und so bot
er sich ausserdem noch an, eine kurze Einleitung zu schreiben.
Deswegen bekam die ganze Sache noch diesen ganz persoenlichen Touch. (Ralf Real Shock)
JOE STRUMMER Introduction + Interview
by Howard Petruziello / Boston , USA
Wie viele von euch, bin ich ungefaehr so lange Clash-Fan wie ich auch Musik-Fan
bin. 1999 war ein grossartiges Jahr um ein Fan zu sein. "Westway To The World",
die Dokumentation von Don Letts wurde zur gleichen Zeit veroeffentlicht, als Joe
mit seinen neuen Partnern, den Mescaleros, auftauchte und das phantastische
Album "Rock Art And The X-Ray Style" vorstellte, das muehelos Rock mit den
weltlichen Rhythmen und einer geschmackvollen Elektronik verband. Ein
ausgereifter Showblock mit einem starken Set an Songs, der sich ausgezeichnet
auf dem Regal, neben den ganzen Triumphen aus der Vergangenheit, einfuegte.
Das letzte Jahr bescherte uns auch das Live-Album "From Here To Eternity", das
Beweise en masse erbrachte, um die Clash als einer der leidenschaftlichsten
Live-Acts der Historie zu ueberfuehren. Und als ob das ganze nicht genug waere,
remasterte und wiederveroeffentlichte Sony den gesamten Clash Katalog!
Stellt euch nur vor, wie aufgedreht ich war, als ich den Anruf bekam, dass ich
wahrscheinlich ein Interview mit Joe Strummer fuehren wuerde, waehrend er
Amerika bereiste! Das Interview sollte ueber dem Telefon erfolgen und nur 20
Minuten dauern. Nachdem wir fuer ungefaehr 5 Minuten gesprochen hatten,
beschlossen wir aufzulegen und lieber zu chatten. Daraus wurde dann eine
geschlagene Stunde! Spaeter hatte ich das Glueck ihn auf der Tour persoenlich zu
treffen und kennen zulernen. Ich kann ehrlich sagen, das Joe Strummer einer der
coolsten und freundlichsten Typen ist, die ich getroffen habe.
HOWARD: Wann hast du die Entscheidung getroffen wieder mit einer neuen Band zu
spielen und Aufnahmen zu machen?
JOE: Kurz nach meinem Soloalbum "Earthquake Weather" 1989. Es hat zehn lange
Jahre gedauert bis ich zu einem Ergebnis kam. Vorher waren mir die Haende
gebunden, da ich abwarten musste, um aus einen Vertrag zu kommen.
HOWARD: Was machte es so schwierig aus dem Vertrag von Sony rauszukommen?
JOE: Tja, ich wollte nicht so enden wie George Michael, als Sony den Prozess
gegen ihn anstrengte. Er hatte das Verfahren verloren gehabt und musste
schliesslich fuer die Prozesskosten in Hoehe von 5 Millionen Pfund aufkommen.
HOWARD: Das hat deine Planung mit der neuen Band aber nicht beeintraechtigt?
JOE: Nein, ueberhaupt nicht! Ich hab rechtzeitig erkannt, das es nur einen Weg
geben kann und der war, darauf zu warten, bis ich aus dem Vertrag endlich
rauskomme. Waehrend der Zeit habe ich dann versucht eine Band zusammen mit
Richard Norris von Grid, einer Technogruppe aus England, auf die Beine zu
stellen. Einige Songs auf dem Album sind die Ueberreste aus dieser Zeit.
HOWARD: Wie alt sind die Songs auf dem Album?
JOE: Fuenf sind neu und fuenf sind alt oder sind aelter als ein Jahr. "Sandpaper
Blues", "Diggin´ The New" und "Yalla Yalla" sind von dieser Acid Punkgruppe, mit
der wir, Richard Norris und ich, versucht haben anzufangen. Aber das passte
vorne und hinten nicht, weil jeder vom anderen Ende des Spektrum seinen Ursprung
hatte. Punk war, Songs zum Inhalt zu haben und bei Acid House lag der
Schwerpunkt in Tracks und Grooves. Wir haben das bei den drei Songs zwar ganz
gut kombinieren koennen, aber die Anstrengungen war die Muehe nicht wert
gewesen. Wir bekamen Streit und trennten uns. Heute sind wir aber wieder zu
Freunden geworden. Das war vor vier Jahren und ich fragte mich damals, ob mein
Glueck mich nun vollends verlassen haette noch mal etwas Neues anzufangen. Dann
traf ich, meinen heutigen Mitarbeiter und Gitarristen, Antony Genn, der immer
irgendwo in London auf Sessions anzutreffen war. Mir war von Beginn an klar das
er zu einer der grossen musikalischen Koepfen dieser Stadt zaehlt. Ich hatte
also grosses Glueck ihn dann eines Tages auf einer Comedysession persoenlich
kennen zu lernen. Ich spielte auch ab und zu in einer dieser Band mit. Sie
nannten sich Fat Les und hatten schon einen Nummer Eins Hit in England landen
koennen. Der Song hiess "Vindaloo". Es war ein Fussballsong, der sich vom Text
her einen Spass darueber erlaubte, das die Briten Curry moegen.
HOWARD: Ja richtig, den Song kenne ich.
JOE: Es war ein Witz. Weil es im Grunde genommen ein Fussballsong war und der
wird dann auch noch eine Nummer Eins. Verstehst du was ich meine?! Ich traf also
Antony und er sagte zu mir, worauf ich gewartet habe: "Du bist Joe Strummer! Es
wird Zeit das du eine Platte machst." Ich sagte: "Ich weiss. Und? Bist du
dabei?" Innerhalb von einer Woche waren wir im Studio und kloppten "Rock Art And
The X-Ray Style" raus. Ich denke, es hat immer was damit zu tun, wen du gerade
triffst, etwas Glueck gehoert dazu, ein bisschen von dem, ein bisschen von allem
halt.....
HOWARD: War es noetig nach einem Co-Konspiranten Ausschau zu halten?
JOE: Oh ja, ich wusste wirklich nicht was genau zu tun ist. Bevor wir was mit
der Acid Punkgruppe erreichen konnten, wir wollten uns Machine nennen, war die
Band auch schon in die Brueche gegangen und keiner hatte zuvor den Namen gehoert.
Schau, ich kann wirklich texten. Ich meine, ich kann Songs schreiben, ich habe
"London Calling" oder "X-Ray Style" geschrieben, aber ich denke es ist von
grossen Vorteil, wenn zwei Koepfe sich Gedanken machen, wie Rogers +
Hammerstein, Lieber + Stoller, Strummer + Jones. Es ist ziemlich schwierig wenn
du als Semi-Legendaerer mit irgend jemanden zusammen arbeiten willst. Ich wollte
eine gleichberechtigte Mitarbeit anstreben. Du muss die Dinge von beiden Seiten
beleuchten, Antony kann zu mir sagen, wenn ihm etwas nicht passt und umgekehrt
laeuft es genauso.
HOWARD: Er spuerte das du die gleiche Sprache sprichst?
JOE: Ja, weil ich das von Anfang an klar stellen wollte. Denn schliesslich hatte
ich zehn Jahre Zeit darueber nachzudenken.
HOWARD: Hat Antony die Luecken der Band aufgefuellt oder hast du den Rest der
Leute gefunden?
JOE: Nun, Pablo Cook (Drums) war ein Teil von Machine und er kannte Antony auch
schon von den Sessions her, die mit der Londoner Szene wie Pulp und Elastica
verbunden war. Wir beide kannten Martin Slattery (Organ, Guitar, Melodica) von
der Band Black Grape, die wir uns des oefteren angeschaut haben und mit denen
wir auch sonst oefters mal abhingen. Als Grape sich dann trennte war er
verloren. Wir packten ihn also und er brachte noch Scott Shields (Bass) mit. Nun
brauchten wir nur noch einen Drummer, den wir dann auch wirklich in letzter
Minute gefunden hatten. Sein Name ist Smiley.
HOWARD: Du hast eben gesagt, das du ein Textschreiber bist.....nun, ich schaetze
ich muss das jetzt loswerden, Ich habe deine Musik schon immer gehoert, und ich
kann ehrlich sagen, das die Lyriks auf dem Album zu den bissigsten und
ausdrucksstaerksten gehoeren, die du geschrieben hast.
JOE: Danke Howard! Thank you baby, du kannst dir nicht vorstellen, wie hart wir
daran gearbeitet haben, um dort hin zu kommen.
HOWARD: Lass uns auf das Album zu sprechen kommen. Ich habe es seit letzter
Woche und da waren so viele Sachen, die mich total verbluefft haben. In "The
Road To Rock & Roll" ist da eine Zeile ueber die "Parchman Farm", wenn du an
fruehe amerikanische Musik interessiert bist.....
JOE: Richtig. Du bist einer der wenigen Leute die das gegenueber mir erwaehnen.
Wir sind oft unterwegs und ich singe in allen Hallen ueber die halbe Welt
verteilt, und wenn ich diese Zeile singe, denke ich jedesmal das es jemand
verstehen wird. Ich winke dann mit meiner Hand um es irgendwie klar zu machen.
Ich bin wirklich begeistert, das du dich da auskennst. Die Leute heutzutage
wissen naemlich nichts.
HOWARD: Bei dir scheinte man immer den Eindruck zu haben, das du von Amerika
fasziniert bist, du singst Zeilen ueber das Delta und Parchman......
JOE: Dieser Song hat eine interessante Geschichte. Vor drei oder vier Jahren
schrieb Johnny Cash unter diesem Motto ein Songfest aus, du weiss was ich meine,
wenn du einen Song fuer Johnny hast, schick ihn zu. Sofort war ich dabei und
schrieb fuer ihn "The Road To Rock & Roll" und schickte ihn ab. Sie haben ihn
zwar fuer das neue Album "American Recordings" nicht gebraucht, aber einige Zeit
spaeter sah ich Johnny Cash am "Hollywood Blvd." spielen und Rick Rubin stellte
ihn mir vor und Rick fluesterte in sein Ohr, "das ist der Typ der "Road To Rock
& Roll" geschrieben hat." Johnny Cash drehte sich um, schaute mich an und lehnte
sich zu mir rueber. Du muss wissen, das er ein wirklich grosser Kerl ist und er
sagte, "du hast mich mit deinem Song ganz schoen verwirrt!" Ich fing zu lachen
an. Gerne haette ich mich zu ihm hingesetzt und ein bisschen mit ihm gequatscht,
aber dann habe ich realisiert, das es ein grossartiger Song ist und ich habe es
mit einer persoenlichen Anmerkung fuer meine Frau gewidmet. Meine erste Ehe ging
in die Brueche, dann traf ich dies Maedchen und um zu pruefen, das ich nicht ein
kompletter Idiot bin habe ich ihr den Song vorgespielt, also ist er in gewisser
Weise zu unserem Song geworden. Im Studio war sie auch beim Mix beteiligt. Es
war ziemlich schwer den Song aufzunehmen, da er ein mittleres Tempo hatte, ein
wenig schlechtgelaunt eben.
HOWARD: Grossartige Gitarrenlaeufe, sehr spanisch.
JOE: Ja, das ist einer von meinen gewesen! Ich bin ein simpler Spieler. Meine
Frau war es die sagte, "Dieser Mix ist nichts, spiel es noch mal." Sie hatte ein
Haendchen dafuer.
HOWARD: Nicht schlecht, wenn du ueber diesen Song Johnny Cash und deine Frau
kennen gelernt hast.
JOE: Es ist wahr. Wirklich nicht schlecht. Wir spielen den Song jeden Abend und
wir spielen ihn gerne, da es ein ruhiger Song ist. Eine nette Bierpause im Set.
HOWARD: Das ist total ignorant was ich jetzt frage, aber wer ist Tony Adams?
(der erste Song auf dem Album)
JOE: OK, ich sehe schon, ich stuerze die halbe Musikwelt in Verwirrung. Tony
Adams ist ein englischer Fussballspieler, der, der Kapitaen der
Nationalmannschaft war. Er musste seine Kapitaensbinde an Striker uebergeben, da
Striker auffaelliger war und seine Tore wie eine Eiche ins Netz ballerte. Adams
ist gross, er steht hinten drin, er sagt nicht viel, er ist nobel, er hat eine
interessante Geschichte, er hat Caprice getroffen, er bekaempfte erfolgreich
seine Alkoholsucht, er hat eine Autobiographie geschrieben, er spielt Piano und
ich wollte ihn feiern als einen der vielen unbesungenen Helden. Das hat mich
dazu verleitet, den Text aus der Sicht eines Verlierer zu schreiben. Was mich
dazu veranlasst hat diesen Song zu schreiben war, das niemand in England erkannt
hat, das Tony Adams eigentlich der Kapitaen sein muesste. Ich weiss, es klingt
ein wenig verrueckt, aber es brachte mich dazu darueber nachzudenken wie
niedertraechtig wir Englaender mit unseren Leuten umspringen.
HOWARD: Das ist der Grund, warum ich das Album so sehr mag. Frueher gingen
vieler deiner Lieder mehr in die politische oder soziale Richtung, aber jetzt
scheint es sehr persoenlich und metaphorisch zu sein.
JOE: Ich versuche erwachsen zu werden Howard! Ich versuche die Weisheit meiner
Jahre auszuwerten und anzuwenden, und darueber hinaus mehr ueber mein Handwerk
zu erfahren.
HOWARD: "Nitcomb" ist da ein gutes Beispiel.
JOE: Antony hatte diese wunderbare Melodie, ein echt zerbrechliches Stueck und
manchmal zoegert man und will das Stueck nicht zerstoeren. Du kannst dabei
vieles voellig ruinieren.
HOWARD: Wie autobiographisch ist die Zeile, "I´m standing at a sale of the shoes
of bankrupt men, I just had to buy a pair to show life can live again?"
JOE: Das stimmt vollkommen! Ganz und gar (lacht).....
HOWARD: Kann ich mir die Frage an den Hut stecken?
JOE: Yeah.
HOWARD: Trotzdem Interesse daran die genauen Einzelheiten zu schildern?
JOE: Ich musste mir nur ein Paar Schuhe kaufen, um zu zeigen, das das Leben
wieder lebenswert sein kann. Manchmal schreibst du ueber Sachen, die du gar
nicht grossartig erklaeren kannst. Ich weiss, das klingt etwas anmassend, aber
das war ein Beispiel von dem, was mir gerade einfiel und ich direkt auf den Song
uebertragen habe. In Hollywood zog ich meine Boots aus und winkte mit ihnen dem
Publikum zu, ich habe einen Schuh ausgezogen und ueber meinen Kopf damit
gewinkt. Jeder dachte, das ich einen an der Klatsche haette, aber ich hatte
Gefallen dran. Die Schuhe der bankrotten Maenner.....ist das traurig!
HOWARD: Du hast eben gesagt, das du den Song "Forbidden City" schon vor einer
ganzen Weile geschrieben hast.
JOE: Das war gleich nach "Tienamen Square". Wir haben ihn letzte Nacht in Denver
gespielt und es war die beste Version, die wir bis jetzt gespielt hatten. Es ist
immer sehr spannend, wenn es auf das Ende eines Songs zu geht, da entstehen dann
viele Zwischenraeume, die sich veraendern und die den Song rockig klingen lassen
koennen. Wir raeumen diese kleinen Veraenderungen in Musik und Texte ein. Dies
ist eine interessante Gruppe, weil die Dinge sich waehrend der Tour laufend
aendern koennen. Das grenzt schon an Telepathie.
(Da ich mir auf "Tienamen Square" keinen Reim machen konnte habe ich Howard kurz
angemailt und bekam die Erklaerung kurze Zeit spaeter nachgereicht. Mit "Tienamen
Square" sind die Ausschreitungen auf dem "Platz des himmlischen Friedens"
1989/1990 in China gemeint. Anm.: Real Shock)
HOWARD: Es gibt keinen Weg um dieser wohl banalsten aller Interviewfragen aus
dem Wege zu gehen, also, wie verlaeuft die Tour?
JOE: Wir sind schon sehr lange unterwegs. Wir sind seit dem 10. Juni auf der
Strasse und wir haben bisher nur im Herbst fuer einen Monat eine Pause
eingelegt. Es dreht sich alles um die Band und die Crew. Wir sind zu einem Team
gewachsen, das wurde sehr gut deutlich bei den letzten Naechten, wo wir die
Westkueste ueber Las Vegas bis nach Denver getourt sind.
HOWARD: Hat euch das amerikanische Publikum gut aufgenommen?
JOE: Letzte Nacht in Denver hatten wir ein extrem individuell eingestelltes
Publikum. Das war sagenhaft! Was das Auftreten in Amerika besonders angenehm
macht, ist, das du sicher sein kannst, das du nicht in der selben Sekunde von
einer vollen Dose Bier beim Singen getroffen wirst. Ich weiss, das ist alles
sehr soft hier, aber drueben in Europa geht das voellig anders ab.
HOWARD: Da geht es verrueckter zu?
JOE: Nicht verrueckter, es ist einfach nur daemlich. Es gibt viel mehr
Stumpfsinn dort.
HOWARD: Vor einigen Jahren hast du etwas unter dem Namen Electric Doghouse
gemacht. War das eine einmalige Sache gewesen?
JOE: Das war ein Traum den ich hatte. Rat Scabies, Segs und ich....
HOWARD: Segs von den Ruts?
JOE: Ja, er spielte Bass bei den Ruts und er ist ein netter Kerl. Scabies kennst
du ja und dann hatten wir noch John X, ein Programmier aus Los Angeles, dabei.
Wir nannten das was wir machten Electric Doghouse, weil wir uns immer in der
Hundehuette aufhielten. Nein, ich weiss, das ist jetzt ein schwacher Witz,
aber...., es war so, ich kaufte fuer eines meiner Kinder ein Buch ueber Hunde.
Es war die Geschichte von einem Hund der nachts ausging um in diesen Hunde-Club
zu gehen. Man denkt ja von seinem Haustier, das man es sehr gut kennt und wenn
dein Hund dann abends in den Korb geht, dann denkst du natuerlich, das er sich
dort zum schlafen hinlegt. Der Besitzer in diesem Buch entschied sich dafuer
seinen Hund zu folgen und der Hund ging jeden Abend aus um auf Partys zu feiern
und zu trinken. Der Club, wo der Hund ein- und ausging nannte sich Electric
Doghouse.
HOWARD: Ja, das war ein cooles Album, es war toll mal wieder was neues von dir
zu hoeren.....
JOE: Ja, ich wollte unbedingt das die Platte rauskommt und das die Leute sie
hoeren konnten. Es sind grossartige Basslaeufe von Segs dabei.
HOWARD: Ein weiterer Song vom neuen Album, bevor wir auf ein anderes Thema
wechseln. Ich denke das "Willesden To Cricklewood" ist eines dieser perfekten
Songs, wenn du dir das gesamte Album anschaust, dann koennte mit diesem Lied
kein besseres Ende gefunden werden. Ich kann mir dabei gut vorstellen, wie 10
Typen in einem Pub die Glaeser in die Hoehe halten, sich dabei umarmen. Sehr
sentimental....
JOE: Ja das ist eine gute Beschreibung, und ich gebe dir Recht. Es herrschte an
dem Abend, als wir den Song aufnahmen, eine beschwingte Stimmung. Als Antony und
mir die Idee zur Melodie kam war es ein ziemlich ungewoehnlicher Moment, da wir
den Song, innerhalb von einer Session aufnahmen, mixten und schliesslich fertig
stellten. Und ich wusste danach, morgens um fuenf, das wir das Album nun im
Kasten hatten. Richard Slack, der Toningenieur, und Antony wollten Wochen
spaeter dem Song noch einige Violinen beifuegen, aber ich sagte nur: "Nein,
nein...."
HOWARD: Der Eindruck des vollstaendigen Album ist sehr bescheiden,
unaufdringlich und natuerlich.
JOE: Es klang so grossartig, dass ich nich daran denken wollte, noch etwas
durcheinander zu bringen. Es ist eine ungewoehnliche Sache die da passiert ist,
normalerweise ist es ein viel groesserer Kampf um an einen ganz einfachen
dezenten Sound zu gelangen.
HOWARD: Wie bist du mit "Hellcat Records" in Verbindung gekommen? Warst du mit
den Typen von Rancid befreundet oder haben sie versucht dich aufzuspueren?
JOE: Nun, manchmal habe ich schon den Eindruck das das Gesetz des Karma wirklich
existiert. Ich habe einen Song fuer Jack Healey sein Generations Album gemacht,
und Jason Rothberg wollte das Album rausbringen. In der Zeit war ich oefters mit
Jason zusammen und wir kamen ins Gespaerch und ich liess verlauten, das ich
gerade dabei bin aus meinem Solovertrag mit Sony rauszukommen und da muesste es
doch ein Label geben, das an meinen neuen Sachen vielleicht Interesse haette.
Ich wurde dann bei einigen Leuten durchgereicht bis ich schliesslich auf Tim
Armstrong traf, dem Rancid Gitarristen/Saenger und Besitzer von "Hellcat
Records". Als ich in seinem Alter war habe ich nichts anderes gemacht als um die
Welt zu touren, aber er hat ein Label zu fuehren und er ist mit seiner Gruppe
auch sehr beschaeftigt. Er ist wirklich bei der Sache, das hat mich sofort
beeindruckt. Ich sagte ihm, das mich die anderen Leute, die ich vorher getroffen
hatte und ich auf der Liste stehen hatte nicht gross interessieren wuerden. Wir
gaben uns die Hand und ploetzlich hatte ich einen Recorddeal in den Staaten in
der Tasche! Um dir zu zeigen wie merkwuerdig einige Dinge sich entwickeln, lass
mich diese Geschichte erzaehlen. Wir sind zurueck nach England gekommen, haben
angefangen an der Platte zu arbeiten und haben die ersten Demotapes gemacht um
einen Deal in Europa ueber die Buehne zubekommen, aber von allen Firmen bekamen
wir nur Absagen.
HOWARD: Unglaublich....
JOE: So hatten wir beschlossen unser eigenes Label zu gruenden, nachdem wir in
Paris und Hamburg gespielt hatten. Als sich das dann rumgesprochen hatte nahm
"Mercury" Kontakt zu uns auf. Wir sind da auf uns allein gestellt und wir haben
ihnen dann gezeigt was wir machen koennen. Wie ich schon eben sagte, England
geht mit seinen Leuten sehr schlecht um!
HOWARD: Es geht immer nur um die Hits.
JOE: Genau.
HOWARD: Ich habe gehoert, das du den Set immer wieder neu fuer die Shows
umstellst. Ich hoffe nur, das ihr viel vom neuen Album spielt.
JOE: Wir spielen ausser "Sandpaper Blues und "Willesden To Cricklewood" das
komplette Album live. Die beiden Songs sind etwas schwer live zu spielen.
HOWARD: Ja, das kann ich mir besonders gut bei "Sandpaper Blues" vorstellen.
JOE: Wir sind dabei eine etwas andere Version bei den Soundchecks einzuspielen.
HOWARD: Und spielt ihr auch Songs vom "Earthquake" und.....
JOE: Ja, und auch viel von Clash. Ich hab einige Platten gemacht, die schon so
alt sind, das sie bestimmt keiner mehr kennt.
HOWARD: Welche?
JOE: Zum Beispiel diese Sachen fuer den komischen Film, wo Keanu Reeves
mitspielt. Das war kein erfolgreicher Kinofilm gewesen, aber einige Tracks sind
ganz gut.
HOWARD: Du scheinst ein Typ zu sein, der sich nicht grossartig mit der
Vergangenheit aufhaelt. Aber letztes Jahr sind doch so einige alte Geschichten
aufgerollt worden. Ich kenne nicht die genauen Details, aber ich weiss das Don
Letts (Mitbegruender von Big Audio Dynamite und verantwortlich fuer den "Punk
Rock Movie") mit euch ein Filmprojekt gemacht hat, das "Westway To The World"
heisst.
JOE: Ja. Die alten Sachen sind wieder im Gespraech. Der Film ist bisher nur auf
BBC 2 gelaufen.
HOWARD: Kannst du mir einige Details erzaehlen?
JOE: Sie haben uns, unabhaengig von einander, vor einer Kamera gegrillt und Don
Letts hat unzaehlige Stunden damit verbracht, das alles zusammen zu schneiden.
HOWARD: Du kennst Don schon ueber 25 Jahre......
JOE: Don Letts hat einen guten Ruf. Frueher gab es in London eine Verbindung
zwischen Punk und Reggae.
HOWARD: Er war ein DJ, richtig?
JOE: Er war der DJ vom "Roxy Club". Ich kam aus den besetzten Haeusern und
Reggae war ueberall zu hoeren. Wir kannten alles darueber. Die Kids die ins
"Roxy" kamen waren meist aus den Wohnsiedlungen und kannten sich damit nicht
aus. Zu dieser Zeit gab es vielleicht ein oder zwei Punkplatten und so hat Don
halt Reggae gespielt und die Kids kamen damit in Beruehrung.
HOWARD: Das war bestimmt leichter mit ihm die Vergangenheit Revue passieren zu
lassen, als wenn jemanden fremdes hinter der Kamera gestanden haette?
JOE: Ja klar, viel besser. Es war sehr familiaer.
HOWARD: Als was wird der Film hier erscheinen?
JOE: Ich hab keine Ahnung. Vielleicht wird er im Fernseh ausgestrahlt.
HOWARD: War es ein merkwuerdiges Gefuehl, das dies so was aehnliches wie ein
offizielles Statement von euch war? Hast du dir, waehrend der Arbeiten, darueber
Gedanken gemacht? Ich meine, du hattest die Chance das letzte Wort zu haben.
JOE: Ja, aber das war alles nicht so schwer. Danach haette ich es sofort wieder
gemacht. Es war nur ein wenig komisch, das in dem Raum so an die zehn Leute
waren, Leute die fuer die Technik, das Licht und die Kameras zustaendig waren.
HOWARD: Und du hast in der Mitte des Raumes gesessen und alle Lichter und
Kameras waren auf dich gerichtet?
JOE: Ja, ich kam mir vor wie bei einer Quizshow.
HOWARD: Hast du dir einige von den Liveausschnitten angeschaut, die Don im Film
verwendet hat?
JOE: Oh ja.
HOWARD: War es fuer dich befremdend, dich in jungen Jahren zu sehen? Ich weiss
ja nicht, ob du dir das alte Material ueberhaupt noch anschaust oder anhoerst.....
JOELive-Album : Ich kann das nicht mehr, deshalb habe ich auch Paul und Mick
gebeten, das sie das zusammenstellen sollen.
HOWARD: Wie meinst du das? Macht es dich etwa verrueckt oder hast du keine Lust
ueber die alten Zeiten zu sprechen....
JOE: Lass es mich so sagen. Fakt ist, ich kann es nicht ertragen die Sachen zu
hoeren, und der zweite Fakt ist, das da an fast jeden Abend ein Riot abging und
du hattest nie die Chance dem wirklich was entgegen zu setzen. Ich war doch da,
also warum haben wir nichts unternommen. Bildlich gesprochen meine ich damit,
warum sollte ich mir ein Video von mir selbst anschauen, wo ich einen verdammt
grossen Stein mit einer Hand ueber meinen Kopf halte und der Schweiss mir dabei
auf dem Gesicht steht. Warum sollte ich mir selbst zuhoeren wenn ich stoehnend
diesen Ballast abwerfe. Die Gigs waren anstrengend, manchmal zu anstrengend.
HOWARD: Also hast du dich beim Album "From Here To Eternity" ganz rausgehalten?
JOE: Antony und ich waren gerade mit den Arbeiten zu "Rock Art And The X-Ray
Style" beschaeftigt, als das Sortieren fuer das Livealbum begann. Ich hab Mick
und Paul gesagt, das ich mich schlecht auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren
kann. Ausserdem war es leichter, das nur zwei Leute, anstatt drei, die Sachen
zusammenstellen. Ich hab mich mit Topper also aus der Sache verabschiedet und
hab Paul und Mick das Ruder ueberlassen.
HOWARD: Bist du mit der Platte zufrieden, hast du sie schon gehoert?
JOE: Machst du Witze? Glaubst du wirklich ich hoere mir das an?! Nein wirklich,
ich muss zugeben, ich bin noch nicht dazu gekommen reinzuhoeren. Aber nur aus
dem Grund, weil wir seit Juni unterwegs sind. Wenn ich wieder zu Hause bin und
etwas Ruhe eingekehrt ist, dann werde ich sie mir im richtigen Augenblick
anhoeren. Ich koennte mir kein Urteil darueber bilden wenn ich sie mal eben so
zwischendurch im Bus oder im Flugzeug anhoeren wuerde, weil es mich ja
persoenlich betrifft. Das macht mich zur Zeit wahnsinnig, aber so bin ich halt.
HOWARD: Ich verstehe. Dieses Jahr werden ja auch in den Staaten das Clash-Archiv
wiederveroeffentlicht.
JOE: Das zeigt mal wieder wie Korruption funktioniert. Letzte Woche hat mir
jemand die Box "Clash On Broadway" in Wolverhampton, in Nordengland, unter die
Nase gehalten zum unterschreiben. Es war eine feine Box mit all unseren Cds
darin. Das war das erste Mal das ich die Box sah, weil sie uns nie welche
zugeschickt haben und wir haben damals sehr viel Arbeit in die Box gesteckt. Sie
sind nicht auf uns zu gekommen. Ich hatte nicht die Zeit um sie mir genauer
anzuschauen, weil wir im Umkleideraum mit ungefaehr hundert Leuten Party
machten. Ist es das was du meinst? Ich bin mir nicht sicher.
HOWARD: Wenn wir schon mal dabei sind, wird jemals wieder das Material von den
101ers veroeffentlicht werden?
JOE: Das werde ich in die Hand nehmen! Ich habe bis jetzt auf der Tournee mit
vielen Leuten gesprochen, in Seattle, Portland und Anaheim, sie fragten mich,
was ist mit dem Song?, was ist mit dem Album? Gestern in Denver meinte der
Promoter, das es in der Stadt einige Leute gibt die unter sich die "Elgin Avenue
Breakdown" Platte schwarz pressen lassen, weil sie keine andere Chance haben,
die Scheibe zu bekommen.
HOWARD: Die Leute pressen die LP auf CD?
JOE: Yeah! Der Drummer von den 101ers, Snake Hips Dudanski, und ich haben die LP
veroeffentlicht.
HOWARD: Ich habe angenommen, das es ein Bootleg war.
JOE: Wir haben das auf unserem Label "Analucia Records" veroeffentlicht. Ich
wollte die Platte wieder rausbringen, eigentlich nur auf Vinyl, aber hey, das
ist die moderne Welt. Ich habe 50 CDs hier bei mir im Koffer dabei.
HOWARD: Ich will dich nicht zu sehr mit der Vergangenheit nerven......
JOE: Kein Problem Howard, du kannst mich fragen was du willst.
HOWARD: Okay danke. Was ist dein fave Song der Clash?
JOE: "If Music Could Talk" von "Sandinista".
HOWARD: Ich sag dir was, jeder Tag der vorbeigeht gewinnt "Sandinista" mehr an
Brillanz.
JOE: Ist das nicht komisch? Letztes Jahr hat das britische "GQ Magazine" dem
Album einen Bericht gewidmet und die Scheibe in den hoechsten Toenen gelobt. Am
Anfang war ich zuerst ein wenig besorgt, als wir die Platte gemacht hatten.
Musiker koennen zwei schwerwiegende Fehler begehen, entweder sie langweilen ihre
Zuhoerer oder sie ueben zuviel Nachsicht gegen sich selbst aus. Vor einigen
Jahren habe ich mir Gedanken darueber gemacht, ob es nicht besser gewesen waere,
wenn wir noch eine Single mit "Street Parade" gemacht haetten. Nach einer Weile
kam ich aber zu dem Schluss, zum Teufel damit, denn letztendlich bin ich von der
Platte absolut ueberzeugt.
HOWARD: Weiss du was Mick´s fave Song ist?
JOE: Ich will mal hier klarstellen, das wir von "Sandinista" keine Tantiemen
bekommen und das ist der Grund, warum ich keine fuenf Millionen Pfund habe um
gegen die Korporation anzukaempfen.
HOWARD: Ihr habt es fuer die Fans damals billig gehalten. "London Calling" und "Sandinista"
waren ungefaehr so teuer wie eine normale Scheibe.
JOE: Ich wollte das mich jeder anschaut und sagt: "Dieser alter Knacker hat zehn
Jahre seines Lebens weggeworfen." Auf dem Hoehepunkt meiner Aktivitaeten war das
meine Art dafuer zu bezahlen. Als wir bei beiden Alben einen finanziellen
Schnitt machten war es mir egal. Ich bin immer noch hier und ich wundere mich
eigentlich nur darueber, das ich ueber die gesamte Zeit einen so kuehlen Kopf
bewahrt habe. .....durch diese zuegellosen Jahre. Ich habe einmal einen Sendung
ueber Churchill im TV gesehen, "The Wilderness Years". Als Churchill aus der
Mode gekommen war haben sie ihn fuer ungefaehr 10 Jahre aus der Regierung
gekickt.
HOWARD: Wann?
JOE: Vor dem Krieg. Das ist eine gute Story, denn zuvor hatte er es fuer
moeglich gehalten, das ein Wahnsinniger den Krieg erklaeren wuerde. Keiner
wollte auf ihn hoeren als er sagte, das die Deutschen sich in einem
beunruhigenden Masse wiederbewaffnen.
HOWARD: Und waehrenddessen trat Chamberlain halb Europa ab.
JOE: Yeah! Da war die Scheisse am dampfen und lieber heute anstatt morgen
wollten sie Churchill wieder an der Regierung sehen, weil er der Mann fuer
diesen Job war und es als einziger gerade richten koennte. Das ist die Floskel
wo ich immer kichern muss und zu mir selbst sage: "Joe Strummer: The Wilderness
Years!" Wenn du Glueck hast kannst du es mitten in der Nacht in einer der
billigen TV-Kabel-Shows hoeren.
HOWARD: Fuer alle die arbeitslos sind und keinen Schlaf finden.
JOE: Das betrifft mich beides. Jetzt hast du mich. (lacht)
HOWARD: Um noch mal eben auf die Frage zurueck zukommen, welcher Song ist Mick
Jones Fave?
JOE: "Stay Free". Brillant. Wie er das alles durchgefuehrt hatte. Er war
grossartig bei diesem Song. Er ist ein wahrer Musiker, einfach grandios.
HOWARD: Du bist mehr ein Textschreiber.....
JOE: Aber das vermischte sich. Wir haben einzeln und auch zusammen gearbeitet,
wenn wir einzeln gearbeitet haben, hat der andere seine Ideen am Text oder an
der Melodie eingebracht.
HOWARD: Hier ist eine schoen bloede philosophische Frage: Was denkst du, welche
Wirkung hatten die Clash allgemein gesehen auf den Rock & Roll gehabt?
JOE: Vielleicht koennten wir ein Kapitel des Rock & Roll aufgeschlagen haben.
Wir waren schon irgendwie interessant, weil wir es gemanagt hatten, das wir nach
Amerika rueberkamen. Das war zu der Zeit nicht gerade ueblich, nur Police haben
es auch geschafft, aber die Jam und die Buzzcocks zum Beispiel haben es nicht so
weit bringen koennen. Wir verdienen ein Stueck vom Kuchen, da wir es global
angegangen sind. Aber um ehrlich zu sein, weiss ich es nicht, du bist der
Kritiker hier, das ist dein Job.
HOWARD: Ich habe das Buch "Last Gang In Town" bisher noch nicht in der Hand
gehabt, aber hast du es schon gelesen?
JOE: Ich habe es gesehen, aber ich weigere mich es zu lesen.
HOWARD: Seid ihr zu dem Buch vorab befragt worden?
JOE: Nein. Der Typ war beleidigt, weil er sagte er versucht mit uns in Kontakt
zutreten und wir haetten ihn links liegen gelassen. Aber wenn du wirklich
jemanden treffen willst, geht das. Es ist nicht so schwer. Ich kann mich nicht
daran erinnern ihn auflaufen gelassen zu haben, das ist die andere Sache. Ich
bin ein wenig besorgt, da er vielleicht in seinem Buch geschrieben hat was fuer
Arschloecher wir sind. Ich weiss nicht, aber ich will es auf keinen Fall lesen.
Aber ein anderes Buch kann ich dir echt empfehlen. Ich habe es schon gelesen.
Das Buch heisst "A Riot Of My Own" und es hat unser Roadie Johnny Green
geschrieben.
HOWARD: Ich habs schon gesehen. Also, das ist cool?
JOE: Ja, wirklich cool. Er war immer dabei und er hat das Buch aus seiner Sicht
geschrieben. Er hat nicht drum herum geschrieben, wenn er mich zum Beispiel mit
Bernie Rhodes diskutieren gesehen hat, sondern das festgehalten, was auch
tatsaechlich passiert ist. Das Buch ist etwas duenn, aber sehr amuesant. Es ist
ein Abstecher in jene Tage, wo der Wahnsinn den Ton angab. Wenn es eine Liste
von Clash-Buechern geben wuerde, so koenntest du es wohl auf den ersten Platz
setzen.
HOWARD: Mit dieser Empfehlung werde ich es mir in naechster Zeit auf jeden Fall
zulegen. Ich bin ein wenig vorsichtig bei den meisten Rockbuechern. Die
Elvis-Biographie von Peter Guralnick war allerdings die Beste die ich gelesen
habe.
JOE: Yeah, die ist cool. Ein Freund von mir Charles Shaw Murray, er ist immer
noch Journalist, gab mir damals die Idee zu dem Song "Garageland", als er in
einer der ersten Reviews ueber uns schrieb: "Die Clash sind die Sorte von Band
die schleunigst zur Garage umkehren muessen, dabei aber den Motor weiter laufen
lassen sollten."
HOWARD: Und das habt ihr euch zu Herzen genommen?
JOE: Yeah, als ich das gelesen hatte sagte ich mir: "Du Bastard. Ich werde einen
Song schreiben der "Garageland" heissen wird und jeder soll es wissen das wir
eine miese Garageband sind, irgendwo da draussen im Garageland." Nach dieser
Geschichte sind wir gute Kumpels geworden und er hat dieses phantastische Buch
geschrieben, was acht Jahre in der Mache warund . Es heisst "Boogieman" ist
ueber John Lee Hooker. Es ist ein gebundenes Buch und ueber 10cm dick.
HOWARD: Guralnick schreibt ja auch sehr viel ueber diese ganzen Blues-Typen in
Memphis....
JOE: Er hat "Last Train To Memphis" geschrieben. Ist das nicht brillant!
HOWARD: Er bringt die Geschichte auf den Punkt. Es gibt so viele Buecher ueber
Musik die nichts taugen, aber er schreibt so, als haettest du dir gewuenscht,
dabei gewesen zu sein.
JOE: Absolut! Wenn ich es zu Ende gelesen habe moechte ich es am liebsten sofort
wieder anfangen. Und dann dieses wunderschoene Bild von Elvis am Piano. Das sagt
doch alles.
HOWARD: Bist du schon in Memphis gewesen?
JOE: Yeah, ich habe meine Zeit da verbracht. Es gab dort einige Nachtszenen mit
Screaming Jay Hawkins fuer "Mystery Train" zu drehen.
HOWARD: Ich habe nicht gewusst, das der Film tatsaechlich in Memphis gespielt
hat.
JOE: Die Drehtage waren im August und es wurde alles nur bei Nacht gefilmt.
Keine Ahnung wer auf diese Idee kam. Um 21.00 Uhr gab es Fruehstueck und dann
wurde bis morgens um 6.00 Uhr gearbeitet. Memphis im August das bedeutete eine
moerderische Hitze bei Nacht. Als ich eintraf war das Team bereits ueber zwei
Monate da, und die sahen alle aus wie die Zombies. Sie hatten nur einen Wunsch,
den Film beenden. Da meine Szenen erst im letzten Drittel abgedreht wurden,
hatte ich genuegend Zeit um mir alles in Memphis anzuschauen, Sun Studio......
HOWARD: Du hast Kinder Joe?
JOE: Ja, drei Maedchen, zwei eigene und eine Stieftochter.
HOWARD: Hoert sich nach einer Sitcom an.
JOE: Ja, die koennte "Dad, du bist ja so ein trauriger alter Knacker" heissen.
HOWARD: Wissen deine Toechter was du frueher mal gemacht hast? Oder bist du nur
ihr Dad, der ab und zu etwas spaet nach Hause kommt? Was hoeren deine Toechter
fuer Musik?
JOE: Blink 182, Sick Of it All. Ich bin mir nicht sicher was fuer einen Sound
Blink 182 machen......
HOWARD: Sehr poppig, Richtung Green Day, wie frueher die Buzzcocks.....
JOE: Ich liebe Green Day. Grossartige Songs, sehr gute Melodien und einen toller
Saenger.
HOWARD: Hoeren sich denn deine Kids auch die Sachen an die der Papi gemacht hat?
JOE: Natuerlich geben sie nicht zu, das sie sagen, "Hey Dad, das ist gut", weil
sie haerteren Sound hoeren. Sie zucken dann mit ihren Achseln, was man fuer
heutige Teenager etwa so interpretieren kann, das sie es ganz okay finden. Meine
Toechter sind 15 und 13 und wollen sich demnaechst piercen lassen!
HOWARD: Wie sieht es bei dir mit Computern und Internet aus?
JOE: Die Wahrheit ist, das ich gerade angefangen habe mich damit zu befassen.
Ich bin ja schon so ein alter Knochen, und deswegen frage ich oefters meine Frau
Luce, wie das zum Beispiel mit dem eMail verschicken funktioniert. Ich stehe
also am Anfang. Ein Freund von mir, Josh Cheuse, hat die Website
strummerville.com vor zwei Wochen eingerichtet. Bisher waren es 40 000 Eintraege.
Das ist alles total neu fuer mich. Wir bemuehen uns interessante Sachen
unterzubringen. Und jede Nacht, nach einer Show, versuche ich ueber etwas Neues
zu berichten.
HOWARD: Vor einigen Jahren noch, und um gar nicht erst davon zu sprechen, als
ich das erste Mal in Kontakt mit Bands kam, standen sie meist auf einem
unantastbaren Sockel. Und nun kannst du deine Eindruecke vom letzten Konzert an
deine Webpage senden und jeder kann es lesen.
JOE: Ja das ist sehr cool. Es hat mich ein ganzen Jahr gekostet, um mich mit dem
Thema auseinander zu setzen und ich habe noch nicht einmal die Haelfte davon
geschafft. Da gibt es einen Typen in Frisco, ich habe seinen Operator
ausgecheckt. Er hat dieses Programm was sich Download Deli nennt und es ist
einfach phantastisch. Er hat MP3s, und so kannst du auf seiner Seite deine
eigene CD brennen und runterladen. Es ist verblueffend.
HOWARD: Fuer einen Kuenstler wie dich, der durch die Muehlen der Korruption
geschliffen wurde, ist es doch jetzt ein ganz anderes Gefuehl nun das Feedback
zu bekommen, durch den direkten Kontakt zu seinen Fans. 40 000 Zugriffe sind
echt eine Menge, auch wenn einige davon vielleicht zwei- oder dreimal die Seiten
besucht haben.
JOE: Ich habe bisher noch nicht einmal den Fernseher abends nach dem Konzert im
Hotel eingeschaltet. Ich habe jetzt andere Dinge im Kopf.
HOWARD: Da verpasst du auch nicht viel. Je mehr Kanaele es gibt, desto.......
JOE: .....weniger laeuft da. Bruce Springsteen hat das schon ganz richtig
gesehen. Das beruhigt mich auf eine Art. Fernseh stumpft einen voellig ab,
besonders diese banalen Werbebloecke. Die werfen dir ihre Produkte hinterher,
versuch das, versuch jenes........, sie vereinnahmen dich total.
HOWARD: Ich schaue mir sehr oft die Simpsons an.
JOE: Ich auch! Die Simpsons sind das Beste was es gibt! Ich sag dir was, als wir
an "Rock Art And The X-Ray Style" gearbeitet haben, haben wir keiner der
Doppelepisoden von 18- bis 19.00 Uhr verpasst. Danach sind wir immer wieder
gutgelaunt an die Arbeit gegangen.
HOWARD: Die Machart und ueberhaupt die ganzen Kommentare......, das koennen sich
10jaehrige genauso gut anschauen wie 50jaehrige....
JOE: Ist das nicht eigentlich unrealistisch? Jede Folge ist brillant! Matt
Groening und sein Team haetten den Oscar verdient, einfach unglaublich.
HOWARD: Wer ist dein Favorit?
JOE: Ich bin ein wenig wie Homer. (lacht)
HOWARD: Du hast aber mehr Haare am Kopf. Besitzt du auch nicht die Geduld, oder?
JOE: Ich glaube nicht. Aber bei dieser Tour verliere ich an Gewicht. Das
intensive Reisen und die Gigs zu absolvieren macht mich duenner. Und beim Essen
wird man auch staendig unterbrochen. Seitdem dieser Bus ein Tourbus ist haben
wir uns nur noch von Sandwiches am Truckstop ernaehrt, obwohl wir heute geflogen
sind, was fuer uns ein kleines Vergnuegen war.
HOWARD: Was hoerst du waehrend ihr im Bus sitzt?
JOE: Das teilt sich ungefaehr so auf, vorne in der Lounge ist ein Cd-Player,
dann kommt ein langer Korridor zur hinteren Lounge, da ist auch die Toilette.
Wir haben es uns so eingerichtet, das wir an drei Plaetzen Musik hoeren koennen.
Ich nehme meinen Ghettoblaster mit auf die Toilette, lasse die Tuer offen und
hoere meistens alten Reggae. Ausserdem hoere ich noch gerne Cumbia, das ist der
Beat aus Columbia. Hinten sitzen Antony, Martin und Scott mit den neuen Grooves
und vorne sitzt die Crew und laesst so Sachen wie Lynyrd Skynyrd laufen.
HOWARD: Die Busfahrer die Bands durch die Gegend karren kommen eh meistens aus
dem Sueden!
JOE: Unser Man kommt aus Tennessee und ist ein richtiger Rocker.
HOWARD: Cool das du immer noch Reggae hoerst. Die fruehen Clash Sachen, von
denen einige Lee Perry produziert hatte, wie "Police & Thieves" und das
Dub-Material von der "Black Market Clash", das hat mich damals wirklich suechtig
gemacht, und auch noch heute kaufe ich mir jede Woche eine Menge Zeug davon.
JOE: Grossartig das zu hoeren.
HOWARD: Hast du schon mal was vom "Blood And Fire" Label gesehen? (das ist ein
Re-Issue Label von Jamaika)
JOE: Das ist brillant! Wer steckt hinter dem Label?
HOWARD: Steve Barrow.
JOE: Er ist grossartig. Er verdient grosse Anerkennung. Das ist fuer mich das
goldene Zeitalter.
HOWARD: Das ist Intuition. Je oefters du Dub hoerst, desto schneller lernst du
die Nunancen von Leuten wie Scientist, Lee Perry oder King Tubby zu schaetzen.
Du kannst sie an dem Sound wiedererkennen.
JOE: Und vergesse nicht, das diese Tapes von einer Performanceaufnahme stammen.
Und Tubby hat es nie vermasselt.
HOWARD: Es ist eine Schande was mit ihm passiert ist.
JOE: Hat ihn jemand erschossen? Ich habe nie verstanden was richtig passiert
ist.
HOWARD: Er wurde ausgeraubt und ermordet. Jamaika hat so eine gewalttaetige
Kultur. Ende der 70er habt ihr das ja auch am eigenen Leib gespuert.
JOE: Ja richtig, wir sind um unser Leben gerannt.
HOWARD: Hast du den Will Smith Song schon gehoert?
JOE: "The Willenium!" Ich muss sagen, das Video gefaellt mir gut, muss du dir
mal anschauen. Perfektes Entertainment. Es macht den Song lebendig. Ich habe den
Song vorher im Radio gehoert und das war nichts besonders. Du muss ihn einfach
in Verbindung mit dem Video hoeren. Dann funktioniert es! Will Smith is rocking
the house. "Rock The Casbah" gehoerte schon immer zu meinen Favoriten, weil es
nicht niedergeschlagen und salbungsvoll, sondern froehlich klang. Es war groovy
und funky, es hatte alles, was wir versuchten rueber zubringen. Es war der
Hoehepunkt unserer Karriere, wirklich.
HOWARD: Lass uns nochmal auf das neue Album zu sprechen kommen. Eines der Dinge,
die ihr immer mit den Clash gemacht habt war, verschiedene Musikstroemungen in
euerem Stil aufzunehmen. Ihr wart den neuen Dingen aufgeschlossen und habt euch
als grosse Fans von Reggae, Funk und Hip-Hop zu erkennen gegeben. Auf dem neuen
Album ist mir das nicht so stark aufgefallen, obwohl dort auch die Reize der
neuen Welt deutlich zu hoeren sind.
JOE: Absolut und ich versuche weiter darin einzutauchen. "Sandpaper Blues" ist
zum Beispiel der Versuch sich mit dem Cumbia Beat auseinander zusetzen.
HOWARD: Hey, ich hab ganz vergessen zu fragen, woher der Name des Album stammt.
JOE: Das ist wirklich lustig! Vor etwa vier Jahren steckte ich in einer Krise,
das war die Zeit als die Acid Punkgruppe gerade auseinander brach. Ich wusste
das wir ein paar gute Tracks gemacht hatten und ich dachte das wir auf den
richtigen Weg waren, aber......, naja egal. Ich lebte damals etwa 300 Meilen
westlich von London entfernt und mein Nachbar war ein ziemlich verrueckter Typ.
Als ich eines Tage ziemlich mies gelaunt war lud er mich zu sich nach Hause ein
und wollte mich ein wenig aufmuntern. Er hatte einen ganzen Schrank voll Buecher.
Ich habe mir eins rausgenommen und schlug ein Kapitel mit der Ueberschrift "Rock
Art And The X-Ray Style" auf. Das Buch war sehr alt und stammte aus den 30ern.
Ich sagte mir: "Das ist es!", und von dem Moment an war ich wie ausgewechselt.
Kannst du dich in meine Lage hinein versetzen: Du hast ein paar Songs fertig,
aber dann hast du ploetzlich den Titel fuer deine Arbeit und du bekommst das
Gefuehl das du ein Ziel vor Augen hast. Das was alles zusammenhaelt. Das Buch
hatte das Thema, das vor 25 000 Jahren die Ureinwohner Tiere an den
Hoehlenwaenden gemalt haben und mit der Zeit malten sie auch auf Knochen, so als
ob du durch die Tiere haettest durchschauen koennen. Die Professoren nannten das
den "X-Ray Style" um das von der anderen Epoche zu unterscheiden. Und Damian
Hirst, hast du von ihm gehoert?
HOWARD: Nein.
JOE: Nicht zu glauben. Er ist sehr beruehmt in Europa. Er schneidet Kuehe in
zwei Haelften.....
HOWARD: Yeah, yeah....
JOE: Nun hast du es. Ich spreche das bei jedem, der mir ueber den Weg laeuft,
an. Er hat unser Cover gestaltet, und jede Figur, die du auf dem Cover siehst
wurde zum ersten Mal vor 60 000 Jahren gemalt. Cool, oder?
HOWARD: Yeah, yeah… Danke Joe das du dir die Stunde Zeit genommen hast mit mir
dieses Gespraech zu fuehren.
JOE: Das Vergnuegen war ganz auf meiner Seite. Wir sehen uns in Boston.