06. Mai 2000
JOE STRUMMER & THE MESCALEROS
"The Brixton Academy" / London
Nach dem ich ja nun lang und breit meine Kolumne im letzten Heft den Clash und
insbesondere Joe Strummer gewidmet habe, war es für mich eigentlich nur noch
eine Frage der Zeit, wo und wann es mir die Moeglichkeit erlaubte, einen Gig mit
den Mescaleros beizuwohnen. Deshalb besuchte ich auch alle paar Tage mal wieder
die "Strummerville"-Webpages um mich über den aktuellen Stand informieren zu
lassen. So Ende Februar war es denn soweit. Strummer und seine Mitstreiter
sollten Anfang Mai in England an die fuenf Konzerte geben. Darunter war auch ein
Konzert in der "Academy" von Brixton für Samstag, den 06. Mai geplant. Kurz
entschlossen stellte ich die Weichen für einen kleinen London-Trip uebers
Wochenende.
Ein paar Mark fuenfzig verdiente ich mir dann im Maerz als Aushilfskoch und
ohnehin wollte ich in London kaufmaeßig gut zuschlagen. Aber dazu spaeter.....
Endlich war der Zeitpunkt gekommen! Drei Tage zuvor hatte ich mir sozusagen als
Einstimmung noch einmal die Videoaufzeichnung vom fuckin´ "Bizarre"-Festival
letzten Jahres gegeben und ferner hatte ich schon so einige Erwartungen an das
Konzert in Brixton gestellt. Sollte man zwar nie machen, sonst ist man hinterher
gelackmeiert, aber ich falle in solchen Sachen immer wieder gerne aufs Neue
rein. So malte ich mir zum Beispiel aus, wie denn die Stimmung beim Gig sein
koennte. Dabei gingen mir diese Bilder von einem Auftritt der Pogues, Anfang der
90ziger glaube ich, nicht mehr aus dem Kopf. Denn bei dem Konzert kam als
Specialguest Joe Strummer auf die Buehne und spielte "London Calling". Im
Publikum ging eine einzige Up + Down Party ab, meist so typisch britische Typen,
die sich da friedlich Arm in Arm von einer Ecke in die andere fallen ließen. Das
waere es doch! Schließlich hatte Strummer doch hier in Brixton so was wie
Heimvorteil.
Der Propellerflieger hob pünktlich von Moenchengladbach aus ab und so war ich am
Samstag, morgens kurz vor 8.00 Uhr, schon am "London City Airport".
Nach über 10 Jahren mal wieder in London, es schien sich nicht viel veraendert
zu haben, die Straßen sind immer noch dreckig, Big Ben, die Tower Bridge stehen
auch noch, die japanischen Touristen trifft man auch an fast jeder Straßenecke
und die Souvenirs sind weiterhin suendhaft teuer geblieben. Der Kurs der
Pfundnote war, dank des Euro, unverschaemt hoch, so das ich mich nach einigen
Blitzbesuchen bei "Tower", "Virgin" und "HMV" nur noch nach sogenannten "Mid-Price"-Cds
umschaute, und die kosteten umgerechnet auch schon ihre verfluchten 25 Mark.
Echt, verdammt expensive geworden in London und so hatte ich auch zum Schluß nur
sechs CDs in meinem Reisebeutel verfrachtet, darunter aber natürlich nur echte
Highlights, vor allem hervorzuheben waere da die japanische Pressung des ersten
Professionals Album "I Didn´t See It Coming". Über den Preis schweige ich mich
allerdings aus.
Rechtzeitig bewegte ich mich dann in Richtung Brixton. Die "Academy" war
ruckzuck gefunden. Ich staunte nicht schlecht, da ich in diesem Laden vor 18
Jahren Ruts DC mal gesehen habe.
Ich war sicherlich nicht nur hier her gekommen um die guten alten Zeiten
aufleben zu lassen. Ich war hier, weil Strummer etwas Neues ausprobiert hatte,
was man durchaus als eine bestaendige Weiterfuehrung der Clash ansehen konnte.
Songs wie "The Road To Rock & Roll", "Diggin´ The New" oder "Yalla Yalla"
haetten jederzeit einen Platz zwischen den Aufnahmen der beiden Alben "London
Calling" und "Sandinista!" gefunden. Denn das unterschied die Clash schon damals
von vielen weiteren Bands der ersten Stunde. Sie galten als aufgeschlossener und
toleranter gegenueber modernen oder anderen musikalischen Stroemungen und
Richtungen.
Ich liess mich auf die Stufen vorm Eingang nieder und schaute wer und was so
alles heutzutage noch zum Strummer hingeht. Das war ein wirklich bunt gemischtes
Voelkchen was da vor meiner Nase auf- und ablief. Für genuegend Unterhaltung
sorgte der offenbar von argen Zahnschmerzen geplagter Ticketverkaeufer, der
immer mal wieder seine Runden machte und laut vor sich her rief: "Tickets!
Ticktes for Joe Strummer!"
Einige Gesichter meinte ich von alten englischen Plattencovers erkannt zu haben,
nur hatte ich keinen blassen Schimmer sie genau zu zuordnen.
Nur einen erkannte ich sofort. In einem langen schwarzen Mantel und mit weißer
Hose bahnte sich Saenger Eddie von TenPole Tudor mit einer etwas bedenklichen
Haartracht seinen Weg zum Gaestelisten-Eingang. Auch schon ganz schoen in die
Jahre gekommen, der Gute, sein Gesicht eingefallen und vom Leben gezeichnet,
doch seine Haare sollte er mal wirklich dringend waschen!
Vor mir tummelten sich auch oefters mal ein kleinerer Mob von drei oder fuenf
aeußerst gutgelaunten Typen, die, die ein oder andere Bierdose sicherlich schon
vernichtet hatten. Wenn ich solche Gestalten sehe, denke ich immer automatisch
an Cockney Rejects, East End und Sham 69. Jede Wette waren das mal frueher
entweder Punks oder Skins gewesen. Sie gehoerten meist dem aelteren Semester an,
hatten eine Halb- oder Vollglatze, oder aber auch nur ganz wenig Haar, irgendein
T-Shirt an, und die schienen einfach nur gekommen zu sein, um vor, waehrend und
sicherlich auch nach dem Gig für eine gute Stimmung zu sorgen. Solche Leute
sieht man wirklich nur in England!
Einige vereinzelte Herren unter den Besuchern hatten sich in ihr olles Clash
T-Shirt gezwaengt und kamen meist in weiblicher Begleitung. Gestylte Punks mit
allem piepapo konnte ich nur Fuenf an der Zahl ausmachen. Sehr witzig war auch
die Garderobe einiger Damen anzusehen, die anscheinend das Ganze mit einem
Theaterbesuch verwechselt hatten. Wer weiß, wohin die nach dem Konzert noch hin
wollten.
Natuerlich waren auch jede Menge von den normalen Konzertgaenger mit
Schlapperhose unterwegs. Die haette man auch gut und gerne in irgendein
beliebiges "Fat Wreck"-Festival packen koennen. Das sind nun einmal die Zeichen
der modernen Welt. Independent im Jahr 2000.
So gegen 21.20 Uhr machte ich mich dann auch auf die Socken um ins Innere des
Gebaeudes zu gelangen. Drinnen herrschte ein wahnsinniges lautes Stimmengewirr,
die Vorbands hatten schon ihr Pensum erfuellt und die Buehne, bzw. das
Buehnenbild war ready für die Mescaleros. Es zeigte die Malereien von der "X-Ray
Style"-Platte, die in blauen Farbtoenen angestrahlt wurden. Die "Academy" war
sehr gut gefuellt. Ausverkauft wuerde ich nicht behaupten, da man durch die
hinteren Reihen noch bequem gehen konnte. Ich schaetze mal, das so zwischen 800
und 1000 Menschen anwesend waren. 10 Minuten spaeter war dann der Moment
gekommen an den ich in den letzten zwei Monaten verdammt oft gedacht habe. Ich
draengte mich so weit es nur irgendwie ging nach vorne. Waehrenddessen ich mich
noch durch die Leute mit einem lauten "Sorry" schubste, war Strummer bei seiner
Ankunft mit großen Jubel vom Publikum empfangen worden und hatte seine Position
in der Mitte der Buehne für den heutigen Abend bereits bezogen. Doch ich
verpaßte rein gar nichts. Da stand er nun, knapp 10 oder 15 Meter vor mir, ganz
the man in black, mit einer schwarzen Hose und einem schwarzen T-Shirt, seine
Gitarre aus den alten Clash-Tagen umgeschnallt und er schlug, oder vielmehr
schrammte schon mal einige Saiten ganz sachte an. Was dann folgte war einfach
nur mit einem Wort zu beschreiben: Ueberwaeltigend!!! Alle noch so kuehnen
Erwartungen meinerseits erfuellten sich in Sekundenschnelle. Die Band, sie
stuerzte sich in den Anfang von "London Calling" und wie auf Kommando begann vor
mir und hinter mir alles an zu huepfen. Joe Strummer mit seiner unverkennbaren
Stimme hat immer noch diese enorme Anziehungskraft. Der ganze Saal schien den
Text mitzusingen Yes, hier war ich also in Brixton an diesem schoenen warmen
Maitag gelandet. Am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt. Endlich mal wieder
ein Konzert, was man nicht so einfach mitnahm, sondern was man erlebte,
durchlebte, etwas besonders, was nicht alle Tage mehr passiert, etwas was man
wirklich zu schaetzen weiß, und was mich nachhaltig noch in eine voellig
optimistische Stimmung versetzte. Das was diese Musik für mich eigentlich immer
schon war und noch immer bedeutet. Eine Musik die außergewoehnlich ist und deren
Worte es eigentlich nie einer großen Erklaerung bedarf. Im Grunde genommen ein
unergruendliches Phaenomen, was uns da 1976 / 1977 einige junge zornige und zum
Teil aeußerst kreativ veranlagte Menschen auf den Weg gegeben haben. Entweder
bis du der Musik mit Haut und Haaren verfallen, oder aber es war nur eine
voruebergehende Erscheinung gewesen die du als Jugendlicher halt durchlaeufst.
Nach dem schon beim dritten Lied die ersten Schweißperlen auf meiner Stirn mich
wohl daran erinnern sollten, das ich keine zwanzig mehr bin, schaltete ich einen
Gang zurück. Naja, die Begeisterung hatte einfach die komplette Kontrolle über
meinen Koerper uebernommen, so das mir gar keine andere Wahl blieb, als
halsueberkopf in den Mob nach vorne zu purzeln. Ich war mal wieder klatschnaß,
die drei Dosen Bier die ich zuvor vertilgt hatte waren auch wieder
ausgeschwitzt, die Hose saß auf halb acht, einer trat mir in der Mitte des
Konzertes so ungluecklich auf meinen linken Fuß, das der Schnuersenkel aufging,
und ich es nicht wagte mich nach unten zu beugen, um ihn wieder zu zu machen, da
ich befuerchtete, das vielleicht jemand über den ollen Real Shock stolpern
koennte. Nein, ich wollte noch nicht sterben. Jedenfalls jetzt noch nicht,
mitten im Konzert tot gepogt von auf- und abspringenden Menschen. Nach dem
Konzert koennen wir ueber alles reden.
Der Auftritt dauerte bis kurz nach 23.00 Uhr, inklusive Zugaben, also 90
Minuten. Wie gesagt mit "London Calling" fing es an, danach kam ein Song den ich
nicht kannte, aber ich glaube der hieß "Nothing About Nothing".
Es folgte ein abwechslungsreiches Programm, das sich natuerlich aus den zwei
wichtigen Komponenten der fruehen englischen Punktage zusammen setzte. Ich
spreche von, Reggae und Punk Rock, vermischt mit dem Cumbia-Beat vom aktuellen
Album, der für eine zusaetzliche hervorragende Ergaenzung sorgte. Das passte!
Von den Clash spielte er außer "London Calling" noch "Rock The Casbah", "(White
Man) In Hammersmith Palais", "I Fought The Law", "Bankrobber", "Safe European
Home", "Tommy Gun", "Rudie Can´t Fail", "Brand New Cadillac", "Police On My
Back", "Pressure Drop", "Straight To Hell", "London´s Burning" und "White Riot".
Vom Mescaleros Album spielte er außer "Techno D-Day", "Forbidden City" und "Willesden
To Cricklewood" alle Songs und so weit ich mich erinnern kann ein Cover von
Jimmy Cliff, "The Harder They Come". Darunter waren an die zwei oder drei Songs
die ich nicht kannte.
Die Reggae bzw. die ruhigen Nummern waren so was wie eine kleine
Verschnaufpause, aber wenn dann wieder ein Clash Stueck gespielt wurde, gab es
kein Halten mehr im Zuschauerraum.
Ungefaehr nach 40 Minuten stellte er dann einzeln seine Musiker vor, die
exzellent spielen koennen, aber nur als Beiwerk funktionierten. Sie waren
einfach nur dafuer da, um das Programm zu spielen, hatten aber für die Buehne
keine zusaetzlichen Einlagen auf der Pfanne. Bei Joe Strummer genuegte lediglich
die bloße Praesenz da oben vorm Mikrophon.
"Rock The Casbah" widmete er dann Topper Headon. Einige Minuten spaeter teilte
er dem Publikum mit, das Mick Jones und Chrissie Hynde auch anwesend waeren, was
bei einigen sicherlich da unten die Pumpe wieder noch oben schießen ließ. Und
tatsaechlich ließ sich einer der Besucher zu der Vermutung hinreißen das gleich
Mick Jones die Buehne betritt um "Stay Free" zu singen. Doch das waere an diesem
Abend wohl undenkbar gewesen, da Joe bei dem Song "Rudie Can´t Fail"
zwischendurch mit Rufen wie "Sing Michael Sing!" ganz eindeutig in Jones
Richtung abzielte und spaeter mit einigen weiteren Zwischentoenen anscheinend
versuchte ihn noch ein bißchen mehr zu aergern. Also, von einer Clash-Reunion
oder das sich zu mindestens Strummer und Jones für wenige Minuten mal wieder die
Buehne teilten, keine Spur! Das war aber auch gar nicht noetig.
Nach dem er und seine Band mit dem letzten Song "Straight To Hell" die Buehne
verlassen hatte, folgten kurz darauf zwei Zugaben.
Er kuendigte mit den Worten "Do You Like Reggae?" den Klassiker "London´s
Burning" ein, dicht gefolgt von "White Riot", der dann den finalen Endpunkt
setzte.
Danach verließen die Musiker schon mal die Buehne und Strummer stand minutenlang
noch im grellen Scheinwerferlicht und wurde von der Menge begeistert gefeiert.
Er hielt seine Gitarre hoch und bedankte sich mehrmals und rief: "It´s so hot
like summer. You made it summer." Man sah ihm deutlich an, das er diesen Moment
in vollen Zuegen genoß. Keine Frage, das war sein Tag heute, das war sein
Publikum, und ich glaube das wußte er auch, denn so wie sich das Publikum von
ihm verabschiedete war das eine einzige große Party gewesen. Wie das Konzert
angefangen hatte ging es dann auch zu Ende. Vor mir, hinter mir, ach, einfach
überall nur hoch gestreckte Arme, die begeistert in die Haende klatschten.
Wenn Strummer vorher im Interview gesagt hat, das England mit seinen Leuten
schlecht umspringt, dann war von denen heute abend garantiert keiner da.
Vielleicht meint er damit ja auch nur mal wieder die Plattenindustrie, die bloß
nach dem naechsten Hit oder Trend hinterher hechelt. Aber die Leute, die an
diesem Abend in Brixton waren, die wußten wie man so eine Feierstunde richtig
angeht.
Jetzt wird man weiter nach vorne schauen. Wie wird es weitergehen, wohin und in
welche Richtung werden die Mescaleros aufbrechen?
Auf den Webpages sind auch schon die ersten Kurzberichte von den Konzerten zuvor
in Sheffield und Newcastle eingetroffen. Und das Echo war auch dort enorm.
Geruechte zu Folge haben die Mescaleros einen Vertrag mit "Hellcat Records" für
ein zweites Album abgeschlossen.
Und eins ist jetzt schon sicher, wenn Joe Strummer nochmals in London spielen
sollte, werde ich versuchen, wieder zur Stelle zu sein.
Ralf Real Shock
"One of those top nights of the year
I see everyone´s here
Oh, took me a long time to get it
But when it´s taken time
You think and don´t forget it"
(Lyrics from "Diggin´ The New")
