Montag, 13. Februar 2006
THE AVENGERS
„Underground“ -
Koeln
Die Nachricht, dass die AVENGERS nach Germany kommen
sollten, war im ersten Moment ungefaehr genauso unwirklich, wie Ende der 90er
als die FORGOTTEN REBELS das erste Mal durch Deutschland tourten. Zwei Bands,
von denen ich fest annahm, dass ich sie nie und nimmer hier mal in der Gegend
live sehen koennte. 2006 fing also richtig gut an, denn mein letzter Konzertgang
– the SKULLS im Duesseldorfer „AK 47“ – lag schon gute 27(!) Monate zurueck.
Seit dieser Show hatte mich nichts mehr live-technisch wirklich interessiert
gehabt, doch ein Gig der AVENGERS versetzte mich dann doch wieder in die gute
alte Punkrock-Zeit, in der ich mich immer noch am wohlsten fuehle.
Mit im Gepaeck hatte Saengerin Penelope Houston ihren Original-Gitarristen Greg
Ingraham, sowie die beiden Youngster, Joel Reader am Bass (sonst PANSY DIVISION,
frueher mal bei MR. T gewesen) und Luis Illades am Schlagzeug (auch PANSY
DIVISION). In dieser Besetzung hatte die Band schon so einige Auftritte in den
letzten zwei Jahren innerhalb der Staaten hingelegt. Sie ernteten dafuer
ausschliesslich nur gute Kritiken. Und so wagte man sich Ende 2004 fuer einige
Shows nach England, wo u.a. Gigs mit the DAMNED gespielt wurden. Es schien so,
als ob man wieder Blut geleckt hatte, denn 2005 war man wieder in England und
spielte u.a. das „Wasted“-Festival mit. Und nun die erste richtige Europa-Tour,
Anfang 2006 mit dem Schwerpunkt Deutschland. Kein Wunder aber auch, da ja „Mutti´s
Booking“ die Tour buchte. (Vielen Dank an dieser Stelle noch mal an Mutti und
Chrisi, die mir ermoeglichten, dass mich Penelope auf die Gaesteliste in Koeln
setzte). Mutti ist ja mittlerweile bekannt dafuer kalifornische Fossile, wie etwa the
SKULLS auszugraben, um sie in unseren Breitengraden auf Tour zu schicken. Nun
waren also die AVENGERS am Start und ich muss offen gestehen, endlich mal wieder
ein Konzert, das ich mir auf keinen Fall entgehen lassen wollte.
Dezember 1977 war es, als ich das erste Mal was von den AVENGERS hoerte. JOHN
PEEL (wer sonst?) spielte in seiner Show „Rock Today“ den Song „We Are The One“.
Der Song knallte von vorne bis hinten durch. Von der US-Szene war zu diesem
Zeitpunkt recht wenig bekannt. OKay, die RAMONES und die HEARTBREAKERS waren ein
Begriff, aber zu den AVENGERS gab es weder Berichte in englischen Musicpapern,
noch konnte man sich vorstellen, wie diese Band auszusehen hatte. Das Gleiche
traf auch auf andere Bands aus Los Angeles und San Francisco zu, die JOHN PEEL Woche fuer Woche
ueber im Programm hatte: the SHIRKERS, MARY MONDAY & THE BITCHES, the DEADBEATS,
the ALLEY CATS, the GERMS, the DICKIES, the WEIRDOS oder the DILS. Erst Mitte
1978 tauchten erste Berichte im „New Musical Express“ und „Sounds“ auf, die
ueber die Szenen in L.A. und Frisco im Allgemeinen berichteten. Damals fand ich die Typen „voll
gefaehrlich!“ Vor der Optik der WEIRDOS z.B. hatte ich kleiner Bubi echt Schiss!
Die sahen, im Gegensatz zu den Gestalten der britischen Szene, irgendwie voellig
abgedreht aus. Die Fotos floessten mir damals einen Heidenrespekt ein! Aber,
heute weiss man ja, das die auch nur mit Wasser gekocht haben und die meisten
eigentlich ganze liebe Teenager Rebellen waren.
Montag ist ja bekanntlich ein aeusserst unguenstiger Konzert-Tag. Das Wochenende
noch in den Knochen verbringen die meisten Ausgehwilligen Menschen den Start in
die neue Woche dann doch lieber zu Hause. Deswegen malte ich mir aus, das kaum
jemand sich das Konzert anschauen wuerde. Ich dachte an einen aehnlichen
Zuspruch, wie 2002, als TSOL in Duesseldorf spielten. Da bestand das Publikum
meist auch nur aus Leuten, denen die Band ein Begriff war. Und Hand aufs Herz,
wer kennt denn heute noch die AVENGERS? Da werden hoechstwahrscheinlich ein paar
alte Hasen wieder aus ihren Loechern kriechen, wie ich etwa, und sonst nur die,
die sich eh jedes Punkrock-Konzert reinziehen, ohne wirklich zu wissen, was fuer
eine Band gerade auf der Buehne steht. Eigentlich lag ich mit meiner Vermutung
gar nicht so verkehrt, nur das sich der Konzertraum des „Underground“ fuer einen
Montag verdammt gut fuellte.
Nur die AVENGERS spielten heute, nicht eine Vorband! Das konnte ich nur begruessen. Und so betraten gegen halb zehn Penelope, Greg, Joel und Luis die kleine Buehne. Angefangen mit „Second To None“ ging es durch beinahe alle Songs aus den Jahren ´77 und ´78. Es war einfach alles dabei! Und im Laufe des Konzertes verschlug es mir schon das ein oder andere Mal die Sprache, denn so saugut gespielt kamen die Klassiker wie „Cheap Tragedies“, „Car Crash“, „Thin White Line“, „End Of The World“, „Uh-Oh“ und „Open Your Eyes“ rueber. Klassenunterschiede machten sich breit! Penelope und Greg sah man kein bisschen ihr Alter an. Punkrock haelt anscheinend wirklich jung! Joel und Luis hingegen spielten ihre Parts absolut und zu jedem Augenblick perfekt. Penelope hat immer noch die Stimme, wie frueher. Sie klingt an fuer sich noch besser, da sie ja hauptsaechlich heute als Solosaengerin unterwegs ist. Ich war voellig baff und bewegte mich kaum einen Schritt nach vorne oder nach hinten. Ich war mit der Situationen teilweise voellig ueberfordert. Hoerst du dir jetzt einfach die Songs an und geniesst den Auftritt in vollen Zuegen oder versuchst du auch einige Fotos zu machen, ohne dabei mit deinem Koerper zu wippen? Aber irgendwie ging ich mit der Kamera nicht bis ganz vorne an die Buehne. Ich war zu befangen und wollten den entsprechenden Abstand halten, um diesen Auftritt „nicht zu stoeren“!
Ich erwischte mich dabei, wie der Teenager-Punk in mir die Faust beim Chorus zu
„We Are The One“ reckte und den Refrain wie von Sinnen mitbruellte. Ich machte
hoeflich Platz fuer zwei doofe Zwiebelhippies, die sich unkontrolliert durch die
Gegend schupsten. Und spaeter auf der Heimfahrt realisierte ich, das ich einen
tollen Abend erlebt hatte. Meine Ohren klingelten so wie einst zu meinen besten
Konzerttagen. Und wenn die AVENGERS es vielleicht noch mal nach Germany schaffen
werde ich wieder vorne direkt in der Mitte vor der Buehne stehen. Ich grinste
fuer einen Moment, schaute in den Rueckspiegel und gab Gas.
RALF REAL SHOCK (Freitag, 03. Maerz
2006)
















